DOPPELPUNKT April 2022

Aus der Wirtschaft April 2022 Seite 19 sche abliefern. Der Most muss unbehandelt sein. Zusätzli- chen Zucker schmecken die Juroren sofort und betrachten das fast als eine persönliche Beleidigung. Derartige Tricks haben die Goldmedaillengewinner aber allesamt nicht nötig. Denn je- der von ihnen hat ein ganz per- sönliches Geheimrezept für einen ganz besonderen Most. Das beginnt bei der Auswahl des Obstes und reicht bis zum Keller. Der muss passen. Da sind sich alle Mostmacher einig. Passt der Keller nicht, wird auch der Most nix. Weniger einig sind sich die Mos- ter dann schon bei den Fäs- sern. Karl Feich- ten- schla- ger macht seinen Most in Holzfässern. Das ist über Jahre hinweg nicht so ein- fach, weil Hölzfässer brau- chen viel Zuneigung. Und die muss von einem Fassbinder kommen. Aber wo gibt es heu- te noch Fassbinder? „Ich ha- be jetzt einen jungen Mann ausfindig gemacht, der dieses Handwerk wieder betreibt“, freut sich Karl Feichtenschla- ger und verrät augenzwin- kernd: „Richtig schlecht wird mein Most aber auch dann nicht, wenn er in Plastikfäs- sern gärt“. * * * Dös beste Getränk, wann i wiadawöll denk, wann i nur a wen´g kost, is allweil der Most. Genaugenommen brauchst zu diesen Zeilen des Mund- artdichters Franz Hönig nichts mehr zu sagen. Hönig ist ge- bürtiger Rieder und war von 1909 bis 1937 Bürgermeister von Kremsmünster. Der Most hat ihn also ein Leben lang be- gleitet. Denn sowohl im inn- viertlerischen Ried als auch im mostviertlerischen Krems- münster ist der Most mehr als nur die Landessäure. Wen wunderts da, dass eines der bedeutendsten Bücher Hönigs den Titel „Dà Mostschädl“ trägt. Eine Bezeichnung üb- rigens, mit der die Leute aus diesen Regionen noch heute leben müssen. Apropos heute: Franz Hö- nig hätte sicherlich seine Freude daran, wenn er sehen könnte, welcher Beliebtheit sich der Most wieder er- freut. Denn nach dem Krieg verschwand der Most schier gänzlich von der Bildfläche. Das „arme Leute-Getränk“ war nicht mehr „in“, würde man heute sagen. Picksüße Limonaden und vor allem Bier liefen dem Most den Rang ab und ließen ihn in der Versenkung verschwinden. Bis in den Neunzigerjahren die Trendumkehr kam und heute liegt der Most gänz- lich im Zeitgeist. Mehr noch: Der Most wird als Kult- getränk geschlürft und hat es damit bis in die feinsten Kreise geschafft. Auch wenn er dort mit Kohlensäure an- gereichert Cidre heißt und das Mascherl einer französi- schen Spezialität umgehängt bekommt. Zum zehnten Mal veran- staltete Troadkast-Wirt Hans Endesgrabner diese Most- olympiade und mit mehr als 70 Teilnehmern gab es heuer einen neuen Rekord. Wer kann an so einer Most- probe mitmachen und wie wird bewertet? Endesgrabner: Grundsätz- lich jeder, der selbst einen Most hergestellt hat. Es geht um Reinheit, Farbe, Gesamt- eindruck und natürlich um den Geschmack. Bewertet wird nach dem umgekehrten Schul- notensystem. Also der Fünfer ist die beste Note. Wieso erfreut sich der Most wieder zunehmender Be- liebtheit? Endesgrabner: Weil der Most ein reines Naturprodukt ist und der Trend allgemein in diese Richtung geht. Auffal- lend ist, dass viele junge Leu- te bei der Mostolympiade mit- machen. Was ist ein richtig guter Most? Endesgrabner: Geschmäcker sind natürlich verschieden. Aber für mich sind die Bier- trinker ein Maßstab. Wenn die nach dem ersten Glas Most ein zweites bestellen und nicht auf Bier umschwenken, dann ist der Most wirklich gut. Rupert Lenzenweger Das sind die Goldmedaillengewinner bei der Mostolympiade in Oberhofen. Bild: Rule

RkJQdWJsaXNoZXIy MTA1MzE0