DOPPELPUNKT April2024

Lesezeichen Seite 22 April 2024 S ofort riss mir ein Polizist das Kind aus den Armen und schleuderte es Kopf vo- ran in den Schnee. „Sie wird ersticken“, rief ich, „gebt mir mein Kind zurück!“ Die Bre- dica lag bewegungslos am Boden, das Gesicht in den Schnee gedrückt und hat nicht einmal geweint. Aber die Po- lizisten führten mich zur Holz- hütte … Die Polizisten legten uns Handschellen an, immer zwei und zwei aneinander ge- kettet. „Mama, auf Wiederse- hen“ rief mir Zofi zu. Sie hat- te die kleine Bredica auf dem Arm, neben ihr stand der Mi- hi barfüßig, nur mit einer Un- terhose bekleidet, im Schnee. Der Kommandant drehte sich zu meiner Tochter um: „Eu- re Mama werdet ihr nimmer sehen. Die kommt nicht mehr zurück!“ Dann gab er Befehl zum Abmarsch. Helena Kuchar kam doch zurück. Auch ihre Kinder überlebten. Bis es aber so weit war, musste sie unerträg- liches Leid über sich ergeben lassen und bekam mehr als ein Mal den Terror der Ge- stapo zu spüren. Sie ließ sich trotzdem nie unterkriegen und erzählte nach dem Krieg ihre Geschichte vom Leben einer Kärntner Partisanin. 1984 erschien das Buch erstmals, nachdem zuvor Teile daraus im „Almanach für Ausreißer“ erschienen waren. Jetzt wur- de das Buch imWieser Verlag neu aufgelegt. In „Jelka Aus dem Le- b e n ei- ben einer Kärnt- ner Partisanin“ lässt Helena Ku- char ihre Erinne- rungen noch ein- mal lebendig wer- den. Aufgeschrie- ben von Thomas Busch und Brigitte Windhab. Ergrei- fend und zugleich beängstigend sind diese Erinnerun- gen an den Über- lebenskampf einer Minderheit und mehr als einmal fühlt man sich als Leser gefangen in einer Situation der Ausweglosigkeit. Umso erstaunlicher ist es immer wieder, dass sich die Partisanen bei diesem ungleichen Kampf letztendlich doch irgendwie durchsetzen konnten. Helena Kuchar starb am 24. Feburar 1985 mit 78 Jah- ren. Ihre Geschichte aber lebt weiter. In einem außerge- wöhnlichen Buch, das seine Leser authentisch in eine Zeit zurückversetzt, von der wir nur hoffen können, dass wir so etwas nie wieder erleben müssen. * * * Ich habe das Buch an einem einzigen Nachmittag gele- sen. So fesselnd ist die Ge- schichte, so lebhaft beschrie- ben sind die Jahre des Parti- sanenkampfes in Kärnten und dem angrenzenden Sloweni- en. Ich habe mit Jelka mit ge- lebt, habe um ihre Kinder und ihren Mann an der Front in Jugoslawien gebangt und ha- be mich immer wieder gewun- dert, wie wenigAhnung wir ei- gentlich über diese Gescheh- nisse haben. Und es mag jetzt abgedroschen klingen und ist zugleich erschreckend: Aber dieses Buch ist nach 80 Jah- ren aktueller denn je. Rupert Lenzenweger „Jelka Aus dem Leben einer Kärntner Partisanien“ , nach Ton- bandaufzeichungen der Südkärnt- ner Slowenin Helena Kuchar nie- dergeschrieben von Thomas Busch und Brigitte Windhab. Erschienen im Wieser-Verlag im Rahmen der „Slowenischen Bibliothek“. 111 Sei- ten mit einer ausführlichen Zeittafel. ISBN 978-9-99029-622-6, € 21,- bei Amazon. Aus dem Leben einer Kärntner Partisanin Der tote Bäcker von Montmartre G eneviève Morel ist das schwarze Schaf ihrer Fa- milie. Während sich alle an- deren, von der Oma bis zum Bruder, durch großangelegte Betrügereien im Dunstkreis von Kunstsammlern ein be- trächtliches Vermögen ge- schaffen haben, ist Geneviè- ve auf der anderen Seite ge- landet. Sie hat sich zu einer der erfolgreichsten Ermittle- rinnen bei der Pariser Poli- zei empor gearbeitet und lei- tet das Revier rund um Mont- martre. Dort ist auch Franco- is Beauvais daheim. Der ist Bäcker und aus seiner Back- stube kommen die besten Ba- guettes von ganz Paris. Als der Bäcker ermordet wird, fällt sofort der Verdacht auf seinen Konkurrenten, der da- mit erfolgreich wirbt, das zweitbeste Baguette zu ba- cken. Der wird auch verhaf- tet aber schon bald ist für Ge- neviève klar, dass er nicht der Täter war. Vor allem auch deshalb, weil sich immer mehr der Neffe des Ermorde- ten ins Blickfeld drängt. Cé- dric Beauvais betreibt ganz in der Nähe des Geschäftes sei- nes Onkels eine gutgehende Konditorei. Trotzdem leidet er permanent an Geldmangel und hat sich immer wieder größere Summen von seinem Onkel geliehen. Cédric ist ein Spieler. Und obwohl er in al- len Casinos in und um Paris Spielverbot hat, lebt er seine Sucht aus: in illegalen Spiel- höllen an der Cote d`Azur. Dort lebt auch die Familie von Geneviève Morel und schon bald ist klar: Wenn Geneviè- ve in diesem Fall weiterkom- men will, braucht sie die Hil- fe ihres Bruders. So reist die Kommissarin zu ihrer Fami- lien an die Cote d`Azur, ob- wohl sie und ihr Bruder nicht gerade ein Herz und eine See- le sind. René Laffite bereitet uns mit seinem Buch „Der to- te Bäcker von Montmartre“ köstliches Krimivergnügen und entführt dabei in das auf- regende Leben von Paris und die Glitzerwelt an der Cote d`Azur. Kommissarin Gene- viève Morel ist keine dieser beiden Welten und muss alle Register ziehen, um letztend- lich den Fall zu einem über- raschenden Ende zu bringen. Rupert Lenzenweger Der tote Bäcker von Montmartre. Rene Laffite, 313 Seiten, erschienen Gmeiner-Verlag, ISBN 978-3-8392- 0577-8, € 16,50.

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