DOPPELPUNKT Februar 2022
Oktober 2021 Seite 18 Freizeit S tellen Sie sich das einmal vor: Wenn ich mit meinen Freunden einen Radausflug mache, bin ich schon seit einiger Zeit der Einzige, der noch mit einem gewöhn- lichen Fahrrad fährt. Die anderen sind alle stromun- terstützt unterwegs. Das führt zwangsläufig dazu, dass ich spätestens beim ersten kleinsten Hügel bis ans Ende des Fel- des durchgereicht werde. Ist die Tour noch jung, haben meine Radlerkollegen durchaus Mitleid mit mir. Sie warten nach dem Anstieg mit tröstenden Worten: „Lass dir ruhig Zeit. Wir ma- chen ja einen Radausflug und sind nicht auf der Flucht.“ Mit je- dem weiteren Hügel nimmt aber ihre Geduld ab. Und stets ist dann irgendwann der Moment da, wo ich zu hören bekomme: „Du weißt ja eh, wohin wir wollen. Wir fahren jetzt einmal vo- raus und warten dann am Ziel auf dich.“ Das Ziel ist meistens irgend ein Wirt. Auch bei unserem letzten mehrtägigen Radlerausflug war es so. Wir waren in der südsteierischen Weinstraße unterwegs, deren Hügeligkeit ich schlichtweg unterschätzt habe. Und so kam es, wie es kommen musste. Meine Mitfahrer hatten stets ein oder zwei Viertel Schilchersturm Vorsprung, bis auch ich endlich verschwitzt und schnaubend bei der Buschenschank eintraf. Auf die Dauer für beide Seiten kein tragbarer Zustand. Jetzt habe ich auch ein E-Bike. Ganz neu und mit gerade einmal 40 Kilometer auf dem Ta- chometer steht das Stromradl bei mir in der Garage. Ich setze mich manchmal davor und frage mich, wohin ich damit eigent- lich fahren will. Weil für die übliche Sonntagsrunde um den Wallersee oder die seltenen Ausflüge über Sommerholz nach Mondsee ist das Rad eigentlich zu schade. Quasi Perlen vor die Säue werfen! Nein, so ein E-Bike schreit nach einer richtigen Tour. Tagelang Kilometer fressen und dabei die Naturgewalten erleben. Durch Hitze und Regen radeln um dann nach vielen hunderten Kilometern am Ziel das Gefühle des verwegenen Er- oberers in sich spüren. Ja, genau dafür ist mein E-Bike gebaut. Das Ziel kenne ich damit schon. Was mir jetzt noch gänzlich fehlt, ist der Weg dorthin. So einen möglichen Weg haben mir jetzt Georg Lux und Helmuth Weichselbraun gezeigt. Denn völlig unerwartet ist ihr Buch bei mir auf dem Schreibtisch gelandet. Darin machen sich die beiden auf die Suche nach „Lost Places“ in der Alpen-Ad- ria-Region und Georg und Helmuth haben nicht weniger als 27 solcher vergessener Plätze gefunden. Und schon nach dem ers- ten Durchblättern des Buches fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Einige dieser besonderen Plätze liegen genau am Alpe Adria Radweg, der über 400 Kilometer von Salzburg bis Grado führt. Also wenn das jetzt keine Herausforderung für mich und mein Stromradl wird … Die ersten verlorenen Plätze können wir in Kärnten besu- chen. Zum Beispiel den Freibacher Stausee, die kargen Über- reste der Therme Bad Bleiberg oder die verschwundene Höhle am Dobratsch. Dort üben die Villacher Naturschächte auf die Höhlenforscher seit Jahrzehnten eine ganz besondere Anzie- hungskraft aus. Direkt an der Grenze geht’s weiter. Der alte Bahnhof von Tar- vis war viele Jahre lang Ziel von Luxuszügen aus aller Welt. Seit der Jahrtausendwende ist der Betrieb eingestellt und selbst für die Radler heißt es hier Endstation. Am Predilpass wartet der nächste verlorene Platz. Ein fünf Kilometer langer Stollen zwischen Italien und Slowenien. 1905 wurde der Kaiser-Franz- AUFGEBLÄTTERT Ein Relikt aus den ersten Weltkrieg weist den Weg zum Seefort. Hier wurde bis 1986 aus Mais und Reis Stärke gewonnen. Das Stadion Prosecco war einst das Mekka des europäischen Baseballsportes. 2005 wurde es wegen Sicherheitsmängel von der Behörde gesperrt und verfällt seither. Verlo rene Plätze lohn ende Ziele
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