ROADBOOK-Slowakei
musst zweimal hinschauen, bis du wirklich glaubst, dass die aus Draht sind. Gebogen von feinen Zangen, die von geschickten Fingern geführt wurden. Manche Ausstellungsstü- cke haben 100 oder mehr Jahre auf dem Buckel. Aber egal wie alt die Dinge sind, eines haben sie gemeinsam: sie stammen aus der Region. Hier in der Westslowakei entstand das Handwerk der Drahtbinder und Kesselfli- cker vor rund 500 Jahren aus der Not heraus. Die Bauern lebten unter der Knechtschaft ungarischer Feudalherren mehr schlecht als recht. Die Böden entlang der kleinen Frata waren karg und brach- ten kaum Erträge. Um zu überleben, musste ein Zubrot gefunden werden und um notwendige Reparaturen aus- zuführen, war viel Improvi- sationstalent notwendig. Und weil auch damals schon der Draht ein billiges und äußerst vielseitiges Hilfsmittel war, entwickelte sich die Draht- binderei. Wahrscheinlich wa- ren es zunächst nur einfache Küchengeräte wie Körbe oder Schöpfer die auf diese Weise entstanden. Sie aber gaben den Ausschlag, dass sich vor allem junge Männer näher mit dieser Arbeitsweise be- schäftigten und so zu wahren Künstlern dieses Handwerks wurden. Da war es nur ein logischer Schritt, dass sie mit Draht, Hammer, Zange und Nieten loszogen, um ihre Dienste im ganzen Land an- zubieten. Bis ins 19. Jahrhundert waren diese freien Handwer- ker alleine oder höchstens zu zweit mit einem Lehrling unterwegs. Längst waren die Drahtbinder und Kesselfli- cker aus der kleinen Frata im ganzen Land bekannt und wo immer sie auftauchten, warte- te viel Arbeit auf sie. Diese re- ge Nachfrage führte schließ- lich dazu, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die ersten Fabriken gegründet wurden. Diese Manufakturen produzierten für den großen Markt und die wandernden Handwerker wurden immer weniger. Der Zweite Welt- krieg brachte schließlich auch das Ende des Drahtbinder- und Kesselflickerhandwerks in der seit Jahrhunderten be- triebenen Form. Heute sind Drahtbinder hin und wieder noch auf Kunst- handwerksmärkten anzutref- fen und sie bieten in erster Linie geflochtene Körbe in allen Größen an. So ein Obst- korb steht auch bei uns auf dem Tisch. Feine Maschen, kunstvoll verarbeitet. Und sollte dieser Korb einmal nicht mehr ganz so perfekt sein, werde ich ihn reparie- Auch dieses Krokodil in Originalgröße ist nur aus Draht gebogen. ren. Und zwar gleich ordent- lich, mit einem Draht. So wie ich es von meinem Opa ge- lernt habe … Aus beinahe haarfeinen Golddrähten sind diese beiden Kelche geflochten.
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