VOLLMOND 1-2022

VOLLMOND 1/2022 17 Oktober 2021 Seite 19 Freizeit & Wellness für die Radler heißt es hier Endstation. Am Predilpass wartet der nächste verlorene Platz. Ein fünf Kilometer langer Stollen zwi- schen Italien und Slowenien. 1905 wurde der Kaiser-Franz-Jo- sef-Hilfsstollen errichtet, um das Bergwerk Raibl am Predilpass zu entwässern. Aber schon zehn Jahre später wurde diese unter- irdische Verbindung im Ersten Weltkrieg zu einer Hauptverkehrs- ader der österreichischen Soldaten. Die erweiterten den Stollen, verlegten Schienen und brachten in der Folge auf dieser „U-Bahn“ 600.000 Soldaten der kaiserlichen Armee von Raibl auf die andere Bergseite, wo viele von ihnen an der heftig umkämpften Isonzo- front ihre Leben lassen mussten. Heute ist diese Stollenanlage ein Schaubergwerk. Dass bis 1986 die beste Stärke aus Chiozza kam und weltweit exportiert wurde, weiß heute praktisch kaum noch jemand. Mehr als 154 Jahre lang wurde hier aus Reis und später auch aus Mais die begehrte Stärke hergestellt und 150 Jahre lang hat sich an der Produktionsanlage kaum etwas verändert. Bis zuletzt lieferte eine Dampfmaschine die für die Produktion benötigte Energie. Heu- te ist die Produktionsanlage eine faszinierende Industrieruine, die von einem Verein so gut wie möglich erhalten wird. Bevor wir in Grado nach der gut 400 Kilometer langen Radl- tour die Füße in der Adria kühlen, empfiehlt sich noch ein Ab- stecher nach Prosecco. Das ist nicht nur ein Mekka der Freunde des Schaumweins, sondern war einst auch Europas Hauptstadt des Baseballsports. Amerikanische Besatzungssoldaten haben dieses Spiel hier her gebracht und auch die heimische Bevölkerung dafür begeistert. Und so wurde 1979 um 600 Millionen Lire (309.000 Euro) das Stadion errichtet und ihm wegen der inneren Form der Name „Diamante“ gegeben. Diamanten gelten zwar als unzerstör- bar. Für dieses Stadion traf das aber nicht zu. Der Spielbetrieb wur- de 2005 von der Behörde wegen sicherheitstechnischer Mängel eingestellt und seither verfällt die Anlage. Freilich, nicht alle verlorenen Plätze liegen direkt am Alpen Ad- ria Radweg. Und weil ich jetzt noch nicht weiß, wie groß tatsäch- lich meine Begeisterung für weite Touren mit dem Drahtesel sein wird, habe ich mich auch schon nach einer Alternative umgese- hen. Einige weitere „Lost Places“ werde ich bei einer mehrtägigen Motorradtour mit meinem Spezi Stefan besuchen. Und wer weiß, vielleicht kommen wir dabei sogar bis in das kroatische Goli Otok, dem Georg Lux und Helmuth Weichselbraun unter dem Titel „Al- catraz in der Adria“ auch ein Kapitel gewidmet haben. Rupert Lenzenweger Lost Places in der Alpen-Adria-Region. Georg Lux und Helmuth Weichselbraun. Styria Verlag, 27 besondere Plät- ze, vorgestellt auf 208 Seiten mit vielen hervorragenden Bildern. ISBN 978-3-222-13681-8. € 27,- bei Amazon und im Buchhandel. Dieser verschlossene Brunnen ist inzwischen der einzige Hinweis darauf, dass hier einst ein Thermalbad stand. Endstation. Bis zum Jahr 2000 hielten hier Luxuszüge aus ganz Europa. Jetzt ist der „Tarvisio Centrale” dem Verfall preisgegeben. Alle Bilder: Helmuth Weichelbraun, „Lost Places” Am Predilpass gibt es einen fünf Kilometer langen Stollen zwischen Italien und Slowenien.

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