VOLLMOND 1-2022
Der fliegende Höllenfürst SAGE aus dem Mondseeland er heilige Wolfgang plante über die Enge des Wolfgangsees eine Brücke zu bauen, doch erschienen ihm Vorhaben und Durchführung sehr mühevoll. Es war gerade Mitternacht, als es an die Tür klopfte und der stinkende Satansbruder mit sei- nem Hinkefuß eintrat und wei- nerlich greinte: „Jetzt sitzt du schon tagelang da und stellst deine Überlegungen an, wie du die Brücke bauen könntest, aber alles vergeblich. Ich kann dir sehr leicht helfen, ja, wenn du möchtest, ist der Übergang in einem Tage fertig. Eine ein- zige Bedingung stelle ich: Die erste Seele, welche die Brücke überschreitet, fällt mir als Op- fer zu!“ Der fromme Prediger wil- ligte schließlich in das Ge- schäft ein. Baum für Baum und Fels für Fels schleppte der Pelzebub herbei und an einem einzigen Tag war das ganze Bauwerk vollendet. Als die Abenddämmerung herein- bach wartete der Höllenfürst ungedulig auf seinen heiß- ersehnten Seelenlohn. Endlich kam der Gottesmann, jedoch nicht allein. Unter seinem Arm hielt er einen feuerroten Hahn, dessen Flügel mit einer Schnur an den Leib gebunden waren. „Schwefelbruder, pass auf, hier kommt die versprochene erste Seele!“ rief der Heilige und schickte den Hahn über die Brücke. Da schüttelte sich der betrogene Höllenfürst vor Wut und schleuderte das un- schuldige Tier in den See. Er brauste wie ein Orkan in das Dörfchen St. Wolfgang, schlug mit seinem Bocksbein die Tür zu der Kammer einer bösen Burgfraue auf und packt sie. Wie mit der Luftpost entfuhr der tobende Luzifer Richtung Mondsee. Im Dunkel der her- einbrechenden Nacht erkannt er jedoch nicht die mächtig- schroffe Neigung der Drachen- wand und durchstieß mit voller Wucht das felsige Massiv. Der heilige Wolfgang war aller Sorgen enthoben, das wuchtige Felsloch aber ist geblieben und von St. Lorenz aus mit freiem Auge ersichtlich. Information zur Sage: Das Felsloch in der Drachen- wand zählte immer schon zu den bekanntesten und be- liebtesten Sagen aus dem Mondseeland. Der dramatische Sagenstoff führte zur Bildung mehrerer Varianten, dass zum Beispiel der Teufel mit einer bösen Pfarrersköchin durch- gefahren sein. Zur 1169 m hohen Drachenwand gehört das Drachenloch, der „Finger oder „Adlerstein“, ein Felskegel, auf dem sich bis zum Jahre 1900 ein Adlerhorst befand und die „betende Gretel“ (Felsform die an eine betenden Frau erinnert) Sagenquelle aus dem Buch: Goldbrünnlein und Drachen- wand. Sagen und Märchen einer Landschaft für Erwach- sene und Kinder, Illustra- tionen Heilgard Maria Bertel, Herausgeber, Verleger Prof. MMag. DDr. Bernhard Baltha- sar Iglhauser, Verkauf: im Ge- meindeamt Thalgau D 18 VOLLMOND 1/2022
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