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KURZGESCHICHTE aus dem Mondseeland 32 VOLLMOND 1/2023 B evor ich dir diese Geschichte erzähle musst du wissen, dass es Zeiten gab, in denen der Pa- ckerldienst nicht fünf Mal täglich an deiner Tü- re geläutet hat. Weil Amazon, Zalando, Ebay, willhaben, Teleshop oder so. Es gab sogar Jah- re, da hat es ganz danach ausgeschaut, als ob Pakete vom Aussterben bedroht wären. Damals hast nicht im Internet bestellt, sondern dicke Kataloge daheim gehabt: Quelle oder Universal, Otto oder Neckermann. Dann sind die Einkaufs- zentren an allen Ecken und Enden deiner Umgebung wie die Schwammerl herausgeschossen. Damit quasi Tod für die Kataloge. Genau in dieser Zeit wurde Karl Maurer zum Polizei-Pos- tenkommandant im Mondseeland ernannt. Dass die Polizei damals am Land noch Gendarmerie hieß, tut jetzt nichts zur Sache. Aber Vollständigkeit muss sein, deshalb erwähne ich das nur so nebenbei. Also noch einmal. Packerl gab´s praktisch nicht mehr. Und wenn, dann hat die der Postler gebracht und nicht der DPD oder GLS oder Amazon. Aber auch das nur so nebenbei. Es war früh am Morgen, als der Postler mit dem kleinen Paket auf den Posten zu den Gendarmen kam. Wahrschein- lich erste Kunden an diesem Tag. Weil der Postler hat sich seine Kundenbesuche genau eingeteilt. Früh amMorgen die, die sicher schon auf waren. Weil um sieben Uhr früh brauchst bei keinem Rentner klingeln. Auch bei keiner Nagelpflege- fachfrau, bei keiner Werbeagentur oder keinem Nachtclub- besitzer. Die schlafen alle um diese Zeit noch. Gendarmen aber längst hellwach. Maurer und seine vier Kollegen haben nicht schlecht ge- schaut. Weil das Packerl war jetzt nicht von einen Kaufhaus, sondern von Polizei-Kollegen aus Sevilla. Und damit sofort großes Rätselraten. Wo ist Sevilla? Italien? Frankreich? Por- tugal? Spanien? Siehst, damit haben wir jetzt noch etwas, was du als Jungmensch wissen musst, damit ich dir die Ge- schichte weiter erzählen kann. Damals war die Frage, wo Sevilla liegt, wirklich noch eine Frage. Und kein kurzer Wi- scher auf Google Maps. Mitunter warst stundenlang mit so einer geografischen Unklarheit beschäftigt. Weil wenn kein Atlas mit einem vollständigen Register zur Hand, hast schon ewig suchen können. Ich kann dir jetzt nicht sagen, ob Maurer und seine Kol- legen die Frage nach Sevilla eindeutig geklärt haben, bevor sie das Packerl aufrissen. Sicher ist nur: Packpapier und Schachteldeckel weg und damit noch viel mehr Fragen. Weil zum Vorschein kam ein vollständiges Gebiss. Ober- und Un- terkiefer mit allen Zähnen und super Zahnfleischimitat. Also mit allem drum und dran, damit du als Zahnloser wieder ein fesches Papperl hast und dich unter die Leute trauen kannst. Neben den Prothesen fand sich ein Brief von den spanischen Kollegen. Und damit das nächste Rätsel. Weil spanisch konnte auf dem Posten nie- mand. Und dass es auch noch keine Handys mit einem Übersetzungspro- gramm gab, wirst dir inzwischen auch schon denken können. Nach all dem, was ich dir bisher von der damaligen Zeit erzählt habe. Also hat der Maurer nach einem ers- ten Schock beim Landeskommando angerufen und um einen Dolmetscher gebeten. Die gab´s damals nämlich schon. Bis der aber zur Stelle ist, dau- ert das eine Weile. Zwei, drei Stunden waren da eh schon eine Blitzaktion. Und so eine haben der Maurer und das Landeskommando jetzt eingeleitet. Jetzt darfst dir den Karli Maurer nicht nur als ernsten Gendarmen vor- stellen, der ausschließlich Paragra- phen und Vorschriften im Kopf hat. So hat er sich nur bei Verkehrskont- rollen und Amtshandlungen jeder Art präsentiert. Abseits der Öffentlichkeit war der Karli auch schon einmal ein lustiger Kampl, wenn ich das jetzt so salopp sagen darf. Und deshalb kannst dir auch vorstellen, dass nach dem ersten Schock angesichts der Zahnterl der Schmäh zum Laufen be- gonnen hat. Weil viel los war an diesem Morgen auf dem Posten sonst nicht. Und wie der Maurer und seine Kollegen immer mehr Gau- di mit den herren- oder frauenlosen Beissgeräten haben, fällt dem Maurer eine Geschichte ein, die ihm als ganz junger Gendarm passiert ist. Und weil wir eh noch auf den Dolmet- scher warten müssen, kann ich dir jetzt ganz schnell auch diese Geschichte erzählen. Der Maurer hatte frühmorgens gerade seinen Dienst ange- treten, als ein Mann erschien, um einen Einbruch zu melden. Gestohlen haben die Einbrecher nichts, aber die Zähne des Mannes haben sie zertrampelt. Den Beweis dafür brachte der Mann in einem kleinen durchsichtigen Sackerl mit: Viele Splitter von einer Prothese. Mehr war da wirklich nicht mehr drinnen. Jetzt ist das für einen Gendarmen gar nicht so ein- fach und für einen jungen schon gar nicht. Weil was ist die erste Reaktion, wenn dir jemand ein Nylonsackerl voll mit ausgeschlagenen Zähnen und gebrochenen Plastikkiefern zeigt? Entsetzen? Vielleicht im ersten Moment. Mag schon Immer Ärger mit den Dritten Eine Karl Maurer-Geschichte von Michael J. GHEZZI
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