VOLLMOND 1-2025
FAHRTWIND M ein Freund Al- bert ist nicht nur ein begna- deter Fotograf. Er verreist auch gerne. So gesehen eigent- lich eine perfekte Kombination, weil Albert von seinen Rei- sen nicht nur immer besonders schöne Fotos heimbringt, son- dern auch ganz spezielle. Albert fühlt sich nämlich von Fried- höfen regelrecht angezogen. Es gibt praktisch keinen Ort der letzten Ruhe, den er bei seinen Reisen nicht besuchen und foto- grafieren würde. Das färbt ab. Zumindest auf mich, weil auch ich seit einiger Zeit bei Reisen Friedhöfe ganz gerne besuche. Zunächst habe ich es deshalb getan, um Albert ein Bild von den Gräbern zu schicken. Ver- bunden mit einem zwinkernden Smiley. Langsam beginnen aber auch mir Friedhöfe zu gefallen. Albert hat mich quasi ange- steckt. So gesehen ist es eigentlich nur logisch, dass ich bei einer Rundreise mit dem Wohnmobil durch Korsika auch am Friedhof von Bonifacio gelandet bin. Der liegt hoch über dem Meer auf den weißen Kreideklippen und wird von den Einheimischen auch „Cimetière marin de Bo- nifacio“ genannt. Salopp über- setzt: Marinefriedhof. Denn hier liegen einige Opfer des Schiffs- unglücks der französischen Fregatte Sémillante, die 1855 während eines schweren Sturms in der Straße von Bonifacio in Seenot geriet und vor den La- vezzi-Inseln unterging. Der allergrößte Teil der vielen aufwändig gestalteten Familien- gruften oder der monumentalen Mausoleen sind aber die letzten Ruhestätten von Bürgern Bo- nifacios. Daneben gibt es auch kleine und schlichte Gräber mit ganz einfachen Holzkreuzen. Manche Gräber sind picco- bello gepflegt, einige verfallen. Andere werden einmal im Jahr weiß gestrichen. Die ältesten Grabstätten stammen aus dem 19. Jahrhundert. Die Einst ein mächtiger Bau, heute nur mehr eine Ruine mit vergessenen Toten. Die allermeisten Gräber werden aber liebevoll gepflegt und halten die Erinnerungen an die Ver- storbenen wach. Alle Bilder: Rule 32 VOLLMOND 1/2025
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