VOLLMOND 2-2002
10 VOLLMOND 2/2020 KULTUR im Mondseeland Der Tag, an dem die Amis kamen M it einem „Schautafel-Stundenproto- koll“ wird in Thalgau ab 5. Mai an das Kriegsende 1945 erinnert. Es war wieder einmal der Historiker Bernhard Iglhauser, der sich der Geschichte Thal- gaus gründlich angenommen hat. Dazu hat er sich durch un- zählige örtliche Chroniken ge- wühlt, er hat mit Zeitzeugen gesprochen und das Tagebuch des Lehrers und Hauptmannes Ludwig Pullirsch aufmerksam gelesen. Was bei all diesen Recherchen herausgekommen ist, ist am 5. Mai ab 18 Uhr zu sehen, wenn Bürgermeister Jo- hann Grubinger und Johannes Niederbrucker als Vorsitzen- der des Thalgauer Bildungs- werkes beim „Pinwinkelgut“ die Ausstellung in Form eines „Stundenprotokolls“ eröffnen werden. In den letzten Apriltagen schneite es heftig und in vielen Teilen des Ortes ist an Befes- tigungen gearbeitet worden. Längs der Straße von Vetter- bach bis Enzersberg wurden Wehranlagen, Schützenlöcher und MG-Stellungen ausgeho- ben. Zum Schluss errichtete man auch noch eine Blochsper- re beim Geschäft „Uray“. AmMittwoch, 2. Mai schrieb Ludwig Pullirsch in sein Tage- buch: „Am Morgen war alles mit einer weißen Schneepracht überzogen. Abends hörte man Leute trappeln und schnattern. Sie kommen von der Maian- dacht. Es schneite unaufhörlich und Autos ratterten an meiner Stube im Bauernhaus vorbei, fast alle waren aus Salzburg.“ Am Samstag, 5. Mai no- tierte Pullirsch: „Es herrschte Dauerregen und ständig hieß es „Die Amerikaner kommen. Bürgermeister Moser stand ab 19 Uhr mit Gendarmerie- Beamten bei unserem Nachbar- haus drüben und wartete auf die Amerikaner. Man ersuchte mich, zu kommen, wenn es mit der Verständigung in Englisch hapern sollte.“ Am Sonntag, 6. Mai do- kumentierte Pullirsch: „Vor- mittags ging Bürgermeister Moser mit einer weißen Fahne nach Enzersberg, um die Ame- rikaner zum Schutz vor der Werwolfgruppe zu bitten. Um 15:45 Uhr war ein Panzer- Spähwagen da und ab 17 Uhr marschierten die ersten ame- rikanischen Truppen ein. Mit 14 schweren Panzern besetzten 100 Mann unter dem Komman- do von Captain Robert Haller den Ort.“ Thalgau sah aus wie ein Heerlager. Das Hauptkomman- do wurde im Ortszentrum im „Gasthaus Moser“ errichtet. Auf den letzten Tagebuch- Seiten schrieb der Hauptmann über Montag, den 7. Mai: „Gestern und heute waren Amerikaner da und ich machte den Dolmetscher. Meist musste ich mit dem Hauptmann ver- handeln. Die gefangenen Na- zis besuchten wir zusammen. Dann wurden 17 Frauen und 2 Männer freigelassen. Arg ging es an der Straße zu und ein jeder machte sich heimwärts, Soldaten, Arbeiter und Gefan- gene. Auch ich packte meinen fertigen Rucksack und versuch- te Steyr zu erreichen.“ Nach dem Einmarsch der Amerikaner sind am 8. Mai Bürgermeister Wilhelm Moser und die Gemeindevertretung zurückgetreten. Die provisori- sche Führung Thalgaus wurde daraufhin Bürgermeisters Leh- rer Paul Eiterer übergeben. Bürgermeister Johann Grubinger und Johann Niederbrucker mit der Titel-Schautafel der Ausstellung zum Anlass „Der Tag, an dem die Amis kamen“. Bild: Franz Neumayr Tagebuchverfasser Lehrer und Hauptmann Ludwig Pullirsch. Flüchtlingstross im Mai 1945 in Thalgau. Bilder: Archiv Iglhauser
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