VOLLMOND 2-2022

Das Kleppeltuch SAGE aus dem Mondseeland n den großen Wäldern um Thalgau, Fuschl und St. Gilgen wurde schon seit altersher das Holz zu verschiedenen Zwe- cken verwendet. Um aber auch ein gutes Eigengeschäft zu ma- chen, lieferten die Bauern oft nicht nach Hallein oder Ischl das „Reifholz“ (wurde zum Zusammenhalten der Dauben an den Salzkufen in der Saline benötigt) sondern verwendeten die abgeschnittenen Haselstö- cke zum Flechten von Tragkör- ben, die sie dann an Händler verkauften. Erzürnt über diese Umgehung seiner „Stockrech- te“ erließ einst Ekkehard von Wartenfels ein strenges Verbot, das jede unrechte Benützung seiner Herrschaftswälder un- tersagte. Auch die Muschen-Bäuerin aus Fuschl zog oft aus um einen der prächtigen Eibenbäume zu schneiden, sie machte aus dem harten Holz glatte Schüsseln. Die tüchtige Witwe verfertig- te oft selbst aus Leinenfäden herrliche Tücher, was manchen Krämer noch zum zusätzlichen Kauf veranlasste. Gerade als der dumpfe Schlag ihrer Axt über den Bergsee tönte, kam der Wartenfelser Ekkehard über die Waldlichtung mit sei- nem Gefolge daher. „Weib wa- rum betrügst du mich um mein Stockgeld? Weißt du nicht, dass es bei Strafe verboten ist, in meinen Wäldern Bäume zu schlagen?“ „Edler Herr, Ver- bote stopfen keine hungrigen Kindermäuler. Ich hab aber neun Stück daheim und mein Mann ruht schon lange im Got- tesacker.“ Beeindruckt von der schroffen Antwort, stieg Ekke- hard vom Pferd, setzte sich auf einen Baumstumpf und sagte: „Es gefällt mir, wie du dich durch meine Gesetze nicht von der Sorge um deine Kinder ab- schrecken lässt. Ich wäre ein schlechter und ungerechter Herr, würde ich dich nun be- strafen. Auch ich habe mich erst vor kurzem nicht an die Gesetzgebung gehalten, wo es heißt, dem Älteren der Söhne den ganzen Besitz zu überge- ben. Denn auch mein Jüngerer zeichnet sich ebenfalls mit Umsicht und Edelmut aus. Nun möchte ich Stammsitz War- tenfels und Schloss und Herr- schaft Hüttstein aufteilen, weiß aber nicht wo ich die Grenze ziehen soll.“ Die Witwe zog ein Tüchlein mit unzähligen Zacken und lieblichen Spitzen aus ihrem Lederbeutel. „Mein Rat: lass den Himmel die Gren- zen festsetzen und ein jeder deiner Söhne wird mit diesem Entschluss einverstanden sein. Gib dieses Kleppeltuch auf der Spitze des Schobers dem Wind preis. Dort, wo er es hinführt, soll der ewige Grenzstein ge- setzt werden.“ Überglücklich über diesen Vorschlag zog Ekkehard heim. Am festgesetzen Tag versam- melten sich alle Burgbewohner auf der Schoberspitze, Ekke- hard hielt das Kleppeltuch in die Luft und übergab es dem Wind. Es schwebte anmu- tig von einem Windstoß zum nächsten und landete nach lan- gem hin und her am Boden. Al- le eilten an die Stelle und seit diesem Tag waren die Herr- schaftsbereiche von Warten- fels und Hüttenstein getrennt. Das Kleppeltuch aber blieb im herrschaftlichen Besitz und wurde viele Jahre später als die „Wartenfels-Thalgauer Spitze“ weltberühmt. Information zur Sage: Der „Katzenkopf“ ist eine volkstümliche Bezeichnung für den Grenzberg zwischen Schober und Drachenwand. Die „Karwand“, ein Felsgebil- de des Ellmauersteines gegen den Pass zwischen Fuschl und St. Gilgen, bildete eine Grenz- markierung zu Hüttenstein. Um 1680 begann der Auf- schwung der Spitzenindust- rie in Salzburg, bereits 1678 wurde es in Thalgau ausgeübt. 1797 betrieb Thalgau fast im Alleingang den noch vorhan- denen Salzburger Spitzenhan- del, fast 80 Frauen arbeiteten damals als Klöpplerinnen. Sagenquelle aus dem Buch: Goldbrünnlein und Drachen- wand. Sagen und Märchen einer Landschaft für Erwach- sene und Kinder, Illustra- tionen Heilgard Maria Bertel, Herausgeber, Verleger Prof. MMag. DDr. Bernhard Baltha- sar Iglhauser, Verkauf: im Ge- meindeamt Thalgau I 36 VOLLMOND 2/2022

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