VOLLMOND 2-2026
VOLLMOND 2/2026 37 Zarte Stimme im rauen Wind P raktisch alle meine Freunde und Be- kannten behaupten, dass ich ziemlich unmusikalisch bin. Meine Frau würde das sogar beschwören und die Kinder sowieso. Trotz dieses ver- nichtenden Urteils lasse ich mir die Freude an der Musik nicht nehmen. Wann immer ich ein Lied höre, muss ich sofort im Takt dazu wippen, mit dem Fuß klopfen oder den Kopf schütteln. Kenne ich den Text auch nur halb- wegs, dauert es nicht lange, bis ich mitsinge. Zumindest den Refrain. Dabei bin ich nicht wirklich wählerisch, solange sich die Musik nicht zu einer opernhaften Quiet- scherei einer Diva entwickelt oder auf der anderen Seite nicht allzu tief ins Heavy Me- tal abgleitet. Auch volkstüm- liche Schlager sind nicht un- bedingt meine Leidenschaft. Aber ansonsten, wie gesagt, nicht wählerisch. Die meiste Freude habe ich, wenn Musik unerwartet da- her kommt. Deshalb mag ich Straßenmusikanten, die meis- tens auch noch Lieder spie- len, die mir wirklich gefal- len. Ich bin dann der, der am längsten zuhört. Ganz nach dem Motto: Eh nur noch das nächste Lied und dann gehen wir gleich weiter. Völlig unerwartet traf mich die Musik auch auf einem Campingplatz in Hvide San- de. Das ist an der Nordküs- te Dänemarks und nur eine Sanddüne trennt den Cam- pingplatz von der Nordsee. Wellenrauschen und Wind- pfeifen sind dort kein Lärm, sondern gehören zur Stille. Keine Angst, man gewöhnt sich daran. Aber ausgerech- net in dieser Stille hörte ich an einem frühen Morgen eine zarte Stimme, die harmonisch Balladen trällerte. Natürlich habe ich zuerst an ein Radio gedacht. Aber dann war die Musik doch zu authentisch, zu lebendig. Handgemacht wür- de ich sagen, dieser Ausdruck trifft es wohl am besten. Ich machte mich auf die Suche nach dem Ursprung der zar- ten Stimme im rauen Wind. Und stand bald bei Hieke. Die saß vor ihrem Bungalow, spielte Gitarre, sang dazu und ließ sich von mir überhaupt nicht stören. Das gefiel mir. Und als ich Hieke nach drei oder vier Balladen um ein zu- sätzliches Lied für mich bat, bekam ich dieses auch und wir kamen ins Plaudern. Hieke erzählte mir, dass sie aus einer musikalischen Fa- milie kommt. Der Vater Pia- nist, der Onkel Opernsänger und Hieke selbst mit sechs Jahren am Klavier. Mit 13 Jahren bekam sie zu Weih- nachten eine Gitarre und ist seither diesem Instrument treu geblieben. Sie studierte Musik, spielte E-Gitarre bei einer Frauenband und be- gann schließlich selbst Lieder zu schreiben. Heute lebt die Musikerin in Stangenhagen (ein Stadteil von Trebbin in Brandenburg) und ihre Lieder handeln von der Natur, den Menschen aus der Umgebung und verrückten Zeitgenossen, die es ihr besonders angetan haben. „Des Waansinns bunte Flügel“ heißt eines ihrer Lie- der, bei dem ich den Refrain mitsingen durfte. Lautstark haben wir dann gemeinsam gegen den Wind „der Waan- sinn…….Waaaaaaaaaansinn! Der Waansinn, der Waansinn, Waansinn!!“ angesungen. Und Hieke hat danach nicht gesagt, dass ich unmusika- lisch wäre. Und die versteht schließlich wirklich etwas davon. Rupert Lenzenweger Der STRAWANZER „Und?“ frage ich Hieke: „Brauchst du diese Einsamkeit hier in den Dünen Dänemarks um kreativ zu sein und neue Lieder zu schreiben?“ „Nein“, sagte sie: „Ich bin nur da, weil ich gerne Wind surfe …“ Bilder: Rule Wenn ich unerwartet auf Musik treffe, bin ich ganz verzückt. Deshalb mag ich Straßenmusiker besonders.
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy MTA1MzE0