Vollmond 3-2022
Das Rauschbacherl und das Steinfeld SAGE aus dem Mondseeland D VOLLMOND 3/2022 35 as fahle Mondlicht brach sich in den Bäu- men am Dorfrand von Thalgau als ein armer, verwitweter Bauer zu nächtli- cher Stunde nach Hause ging. Nachdem er über die schmale Brücke der Fuschler Ache ge- gangen war, schritt er stumm den engen Fußweg nach Leit- hen empor vor seinen Augen sah er bereits das tanzende Flackern der Totenkerzen in der Elshubkapelle. Plötzlich sah er einen un- heimlichen, dürren Fremden nur mit weißen Fetzen be- kleidet war. „Bauer, leg´in die Hand was rein, soll nicht dein Schaden sein! Sechs Tage ge- hören dein, der siebte aber mein!“ Bei diesen Worten streckte er die knochige Hand aus. Der Bauer sah im blassen Schein in der einen Hand gro- ße, sonderbar glänzende Kör- ner liegen. Er hatte aber nur harte Brotkrümel in seiner Jackentasche, diese legte er in die leere Hand des Wegelage- rers. Mit seltsamen Klappern zog dieser, nachdem der Bau- er die eigenartigen Körner an sich genommen hatte, seine Hände zurück. Der Bauer ging weiter und hörte noch hinter sich: „Sechs Tage ge- hören dein, bringt ein Gold- feld fein. Der siebte Tag ist mein, sonst wird es ein Stein- feld sein!“ Einige Tage später staunte der Mann als ein üppiges mit gold glänzendes Ähren voll- gestopftes Feld vor seinem Hof sich erstreckte. Der Bau- er und sein Knecht ernteten jeden Tag die schwergebeug- ten Ähren und am nächsten Morgen war das Feld wieder voll mit goldenen Ähren. Und aus dem armen Bauern wur- de ein wohlhabender, reicher, aber auch ein von grenzenlo- ser Gier und Raffsucht getrie- bener Mann. Einmal läuteten wieder die Sonntagsglocken und der Bauer sah das wo- gende Kornfeld, das erneut gewachsen war und begann seine Arbeit. Am nächsten Morgen kam das große Kla- gen und Bedauern, denn dort wo wochenlang Ähre an Ähre stand war nun nur noch Tro- ckenheit und Dürre. Auch die prallgefüllte Scheune zerbarst unter Tosen und Krachen, es kullerten runde Sandstei- ne auf den Hof. Er lies den Knecht die Felder aufgraben, als plötzlich eine gewaltige schwarze Steinflut die Wiesen und Felder und auch Bauer und Hof unter sich begrub. Information zur Sage: Seit dieser Zeit wird die Ge- gend wo der Thalgauegger Wald seine lange Baumzun- gen die Wiesenhänge hinun- terstreckt als „beim Steinin- ger“ bezeichnet. Wo sich aber die Erde auftat um die mächti- gen Wassermengen herauszu- schießen wird im Volksmund liebevoll als „Rauschbacherl“ bezeichnet. Sagenquelle aus dem Buch: Goldbrünnlein und Drachen- wand. Sagen und Märchen einer Landschaft für Erwach- sene und Kinder, Illustratio- nen Heilgard Maria Bertel, Herausgeber, Verleger Prof. MMag. DDr. Bernhard Bal- thasar Iglhauser, Verkauf: im Gemeindeamt Thalgau
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