VOLLMOND 4-2022Publication

Die Tränen des Frauenkopfes SAGE aus dem Mondseeland D 18 VOLLMOND 4/2022 as Reich der Saligen Frauen, auch Wald- oder Bergfrauen ge- nannt, erstreckt sich oft unter steilen Felsmassiven und es ist nur selten Sterbli- chen vergönnt, diese zauber- hafte Aufenthaltsorte zu be- treten. Sie konnten mit den Tieren reden und so manches verletzte Wild wurde von den Saligen gesund gepflegt. Eines schönen Sommertages stellte ein junger Jäger Rich- tung Schober einer Gämse nach. Er kam bis zum Fuß eines mächtigen Felskogels unweit der Schoberwand. Plötzlich wurde er von einem hellen Lichterschein geblen- det und eine große, weißge- kleidete Gestalt hob zürnend die schneeweiße Hand: „War- um treibst du in dieser Gegend den Frevel der Jagd? Hast du nie gehört, dass in diesem Fel- senreich alle Tiere und Pflan- zen unter meinem Schutze stehen!“ „Verzeiht mir, schöne Frau, ich wollte nicht so weit vordringen, aber die Lust und Hast der Jagdfreude haben mir wohl fast die Sinne geraubt. Es war nicht meine Absicht euch zu erzürnen“, antwortete der Eindringling. Die Berg- frau fand Gefallen an ihm und lud ihn in ihr Reich des mäch- tigen Felsberges ein. Er staun- te über wundervolle Blumen- gärten mit Edelsteinbäumen, Paläste mit rubinbesetzten Fensterbalken und in silber- klaren Bächen spielten Forel- len mit Goldstücken. „Einmal im Jahr, zu Petrus und Paul, werde ich dir dieses Reich öffnen und du darfst nehmen, soviel du tragen kannst. Die- se Schätze gehören für im- mer dir, wenn du in Zukunft die Verfolgung des Wildes unterlässt.“ In den nächsten Jahren ritt der Jäger nur zum Schein zur Jagd, nie brachte er jedoch Beute mit sich und dennoch führte er ein ange- nehmes und sorgenfreies Le- ben. Eines Tages kamen seine alten Jagdfreunde vorbei und er konnte sich nicht zurück- halten und ging mit ihnen zur Jagd. Plötzlich trat ein weißer Hirsch aus dem Gestrüpp, nun war der Jäger nicht mehr zu halten. Er wollte schon sei- nen Stutzen anlegen, als eine klingende Stimme rief: „Lass ab, das Wild der Bergfrau muss geschont werden!“ Der Bursche lachte und schoss. Da aber stand, von gleißen- den Licht umstrahlt, die Sali- ge Frau vor ihm und inmitten des Glanzes auch der weiße Hirsch. Der Jäger streckte die Hände zur Abwehr und verlor den Halt, er stürzte mit einem grellen Aufschrei in die Tiefe. Aus den tiefdunklen Augen der Bergfrau quollen zwei Tränen, blau und grün leuch- tend. Sie kullerten die Ab- hänge hinunter und ergossen sich zu einem großen, ewig glänzenden Gewässer, dem Fuschlsee. Am nächsten Tag wurde der Bursche gefunden, aufgespießt von kleinen, viel- ästigen, wie Hirschgeweihe geformte Sträuchern und tau- sende kugelige Beeren befan- den sich auf den hellgrünen Ästen ringsum. Die Schwarz- beeren, so munkelt man im Volk, waren aus den Schrot- kugeln des Schusses entstan- den und stehen heute noch als Zeichen und Symbole für den Verrat und das nichtgehaltene Versprechen. Information zur Sage: Der Frauenkopf wurde erst 1979 mit einem Gipfelkreuz geschmückt. An der Gren- ze zwischen Wartenfels und Hüttensteiner Gericht befand sich eine Richtstätte, wo die Deliquenten in Wahnvorstel- lungen oft von einem weibli- chen Kopf redeten, der ihnen unterhalb des Schobers zu- winkte. Sagenquelle aus dem Buch: Goldbrünnlein und Drachen- wand. Sagen und Märchen einer Landschaft für Erwach- sene und Kinder, Illustratio- nen Heilgard Maria Bertel, Herausgeber, Verleger Prof. MMag. DDr. Bernhard Bal- thasar Iglhauser, Verkauf: im Gemeindeamt Thalgau

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