VOLLMOND 6-2019

35 Weihnachten im Mondseeland r 2019 Wir wünschen Ihnen geruhsame Adventtage mit viel Zeit für sich und Ihre Familie und ein friedvolles Weihnachtsfest. Gesundheit, Glück und Zufriedenheit mögen Sie durch das Jahr 2020 begleiten. F rag mich jetzt bitte nicht. Ich weiß genau wovon ich rede. Seit acht Jahren gehe ich am 24. Dezember durch das Wenger Moor von Neumarkt nach Seekirchen. Sieben Mal davon war ich im T-Shirt un- terwegs. Nur im Vorjahr habe ich zeitweise die Regenjacke gebraucht. Von weißen Weih- nachten war aber all die Jahre über keine Spur. Ein Blick auf die Wettersta- tistik zeigt. Es war 2010, als wir zum letzten Mal an den Weihnachtsfeiertagen so etwas wie eine geschlossene weiße Decke im Land liegen hatten. Um es kurz zu machen. Bei uns zu Weihnachten heißt es eher „es grünt so grün“ als „leise rieselt der Schnee“. Früher, erzählen ganz al- te Leute, soll es ja anders ge- wesen sein. Schnee bis zum Bauch, Eiszapfen an der Nase und angefrorene Zehen nach dem Gang von der Mette heim. Also Klimaerwärmung? Nicht wirklich, wissen die Me- teorologen und lassen uns wis- sen: Tauwetter zu Weihnachten ist völlig normal. Weiße Weih- nachten sind eher Ausreißer. Wieso aber ist das so? Die globale Erwärmung ist defin- tiv nicht die Ursache für die grünen Weihnachten bei uns. Dieses typische Nicht-Win- terwetter bei uns hat sogar einen eigenen Namen: Es ist das Weihnachts-Tauwetter, das meist vom 24. Dezember bis Silvester herrscht. Es ist ein so typisches, regelhaftes Witterungsverhalten, dass es Meteorologen als Singularität (eine vom normalen Verlauf abweichende Wetterentwick- lung) bezeichnen. Etwa wie die Eisheiligen im Mai oder die Schafskälte im Juni. Und dass das keine Erscheinung unserer Zeit ist, zeigt ein Blick in die Chroniken: Angeblich sind die Menschen schon im Mittelal- ter im südlichen Rhein an den Weihnachtsfeiertagen schwim- men gegangen. Nun, so wild treibe ich es auf meinen Weih- nachtsspaziergängen durch das Wenger Moor jetzt auch wieder nicht. Aber Eis hätte mich noch nie daran gehindert, in die Flu- ten des Wallersees zu steigen. Werden wir wieder wissen- schaftlich und machen wir uns auf die Suche nach der Ursache für den Wärmeeinbruch Ende Dezember: Dabei trifft polare Kaltluft von Osten auf sub- tropische Warmluft aus Süd- westen. Und schon ist es da, das leidige Islandtief. Gegen den Uhrzeigersinn dreht sich das Tiefdruckgebiet, schaufelt die Kaltluft weiter nach Nor- den und saugt die feuchtwarme Atlantikluft mit regenreichen Westwinden zu uns heran und beschert uns somit unser typi- sches Weihnachtswetter. Vor allem Bayern und Österreich erwischt die feuchtwarme Wit- terung, während der Nordosten Europas noch eher Chancen auf die polare Kaltluft hat. Manchmal verläuft eine schar- fe Trennlinie zwischen den kal- ten und warmen Luftmassen. Dann wird es turbulent: Star- ke Schneefälle, Eisregen und Blitzeis treten auf. Ein Grau- en für alle, die zum familiä- ren Weihnachtsfest unterwegs sind. Außer sie marschieren nur, so wie ich, durch das Wen- ger Moor von Neumarkt nach Seekirchen. Das könnte auch zur Abwechslung einmal bei Schneefall und eisigen Tempe- raturen recht reizvoll sein. Übrigens: Auch heuer schaut es nicht unbedingt nach tief- weißen Weihnachten aus, denn die Meteorologen rechnen jetzt schon damit, dass sich El Nino, was übersetzt witzigerweise „Christuskind“ heißt, wieder recht kräftig zu Wort melden wird. Und wenn die Wetter- küche zwischen der südameri- kanischen Westküste und der Ostküste Australiens verrückt spielt, dann können wir uns weiße Weihnachten praktisch abschminken. Rupert Lenzenweger Wo ist eigentlich der Schnee zu Weihnachten?

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