VOLLMOND 6-2025

VOLLMOND 6/2025 39 Der STRAWANZER „Cocco bello“ ist Musik in meinen Ohren D ie Strandver- käufer mag ich. Ihr „Cocco bel- lo“-Ruf ist Mu- sik in meinen Ohren und ihre bunten Hand- tücher spiegeln für mich die Lebensfreude wider, die je- den überkommt, sobald er nur von Meer, Sand und Sonne umgeben ist. Bieten sie auch noch Armbänder an, werde ich regelmäßig schwach. Und so kann es schon passieren, dass ich von einem Strand- urlaub mit einem halben Dutzend Bändern um mein rechtes Handgelenk heim- komme. Jedes Band hübscher als das andere, natürlich von erlesener Qualität und eine Investition für´s restliche Le- ben. Verspricht zumindest der Strandverkäufer. Dass dem nicht so ist, weiß ich natür- lich von Anfang an und so bin ich auch nicht besonders ent- täuscht, wenn spätestens um Weihnachten auch das letzte Armband reißt oder schwer zerkratzt und damit so häss- lich ist, dass ich mich gerne davon trenne. Dabei wurden mir beim Verkaufsgespräch zwischen den Dünen weni- ge Monate vorher im Urlaub echter Edelstahl, kratzfestes Silber oder steinharte Achate versprochen. Aber das stört mich nicht. Das gehört zum Spiel wie das Handeln, bei dem natür- lich immer ich der Verlierer bin. Weil „letzte Preis“ ist in Wirklichkeit noch immer ein gutes Geschäft für den Händler, der wahrscheinlich keine zehnköpfige Familie zu ernähren hat, wie er mir mit treuherzigem Blick erklä- ren will. Ob er aus Pakistan kommt, ist genauso fraglich, wie dass sein Vater in Wien arbeitet und er Österreich des- halb als besonders „beautiful“ findet und die Menschen aus diesem Land die nobelsten auf der ganzen Erde sind. Das ist Verkaufstaktik und trotz- dem will ich darauf hereinfal- len, sobald ich das Armband, das zu diesem Zeitpunkt längst an meinem Handge- lenk baumelt, um die Hälfte des Preises bekomme, den der Verkäufer als erstes An- gebot in den Raum geworfen hat. Und weil es nie um große Summen geht, sondern höchs- ten um zwanzig oder dreißig Euro, schlage ich irgendwann zu. Dafür ernte ich dann mit- leidige Blicke nicht nur von meiner Frau, sondern auch von den hunderten Menschen um mich, die meine Verhand- lungen mit dem Strandver- käufer aus ihren Strandliegen heraus und hinter ihren Son- nenbrillen genau verfolgen. Sie glauben, ich bemerke das nicht. Aber ich kann aus ihren Gesichtern lesen, dass sie mich schonungslos in die Ka- tegorie „wieder so ein armer Narr“ einreihen. Und stolz darauf sind, dem Kerl aus Pa- kistan mit seinem unechten Schmuck nicht auf den Leim gegangen zu sein. Die zwei Armbänder, die ich kürzlich am Strand von Marina di Campo auf Elba gekauft ha- be, sind auch nach zwei Mona- ten noch wie neu. Obwohl ich sie Tag und Nacht trage. Viel- leicht habe ich ja diesmal vom Strandverkäufer aus Pakistan wirklich Armbänder aus Edel- stahl und mit echten Achaten bekommen. Dann wären 40 Euro tatsächlich ein unglaub- liches Schnäppchen … Rupert Lenzenweger Einfach nicht hinschauen. Die meisten Menschen ignorieren die Strandverkäufer einfach und lassen sich dadurch die besten Schnäppchen entgehen. Selbst diese Enten wissen: Wo immer der „Cocco bello“-Mann auftaucht gibt es besondere Le- ckereien. Bilder: Rule

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