{"id":2912,"date":"2020-04-03T08:37:00","date_gmt":"2020-04-03T06:37:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/?p=2912"},"modified":"2020-04-03T09:03:55","modified_gmt":"2020-04-03T07:03:55","slug":"erinnerungen-an-dr-adrian-gaertner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/erinnerungen-an-dr-adrian-gaertner\/","title":{"rendered":"Erinnerungen an Dr. Adrian Gaertner"},"content":{"rendered":"<p>Mit der Biografie von Dr. Adrian Gaertner kann 2020 nach mehrj\u00e4hriger Arbeit wieder ein Kapitel der Thalgauer Lokalgeschichte durch den Ortshistoriker Bernhard Iglhauser abgeschlossen werden.<br>Die Pr\u00e4sentation als Freiluftinstallation erfolgt durch Bgm. Johann Grubinger, Vorsitzender des SBW Thalgau und Johannes Niederbrucker, Leiter des Bildungsausschusses.<br>Adrian Gaertner wurde 9. Juni 1876 als erster Sohn des damaligen Direktors der \u201eEisenblechwalzwerk Rasselstein\u201c Nicolaus Gaertner geboren.<br>Nach der \u00dcbersiedlung der Familie 1883 ins idyllische Thalgau absolvierte der hochtalentierte Sohn nach der Volksschule die Salzmannschule \u201eSchnepfenthal\u201c in Th\u00fcringen und dann die Oberstufenjahre in Bonn.<br>Zu den klassischen Sprachen Griechisch und Latein eignete sich Adrian freiwillig auch Hebr\u00e4isch an, um die Texte des Alten Testamentes der Bibel studieren zu k\u00f6nnen. Zus\u00e4tzlich sprach er Englisch und Franz\u00f6sisch flie\u00dfend und war allen Formen der Kunst und Musik zugetan.<br>Nach dem Milit\u00e4r studierte er Geologie, Mineralogie und Physik in M\u00fcnchen.<br>Zum Sommersemester 1896 wechselte er an die Universit\u00e4t Rostock, wo er mit noch nicht 24 Jahren sein Geologie-Studium mit der Dissertation \u201e\u00dcber Vivianit und Eisenspat in mecklenburgischen Mooren\u201c zum Dr. phil. abschloss.<br>Der Grundstein f\u00fcr dieses Interesse war bereits bei seinen Thalgauer Wanderungen durch das v\u00e4terliche \u201eWasenmoos\u201c am Thalgauberg gelegt worden.<br>Bereits 1895 hatte er Kunigunde Linnartz, die Tochter des lothringischen Bergbau-Unternehmers Dr. Gustav Linnartz kennen und lieben gelernt, 1901 erfolgte die Verm\u00e4hlung.<br>Auf die Bitte seines Schwiegervaters \u00fcbernahm er im gleichen Jahr die Leitung der von Linnartz 1897 erworbenen \u201eWenceslaus-Grube\u201c in M\u00f6lke im damaligen Landkreis Neurode in der Grafschaft Glatz.<br>Unter Gaertners Leitung entwickelte sich die \u201eWenceslaus-Grube\u201c schon bald zum modernsten Kohlenbergwerk Deutschlands.<br>F\u00fcr seine Leistungen verlieh ihm die Technische Hochschule Breslau die Ehrendoktorw\u00fcrde.<br>Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur F\u00f6rderung der Wissenschaften berief ihn zu ihrem Mitglied.<br>Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, die auch den Verlust der lothringischen Besitzungen von Gaertners Schwiegervater zur Folge hatte, kam es auch in M\u00f6lke zu Arbeiterunruhen unter der Belegschaft.<br>Nachdem Gaertner in einer Betriebsversammlung sein Konzept f\u00fcr die Zukunft erl\u00e4utert hatte, wurde er zum Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates gew\u00e4hlt. Neben Lohnerh\u00f6hungen setzte sich Gaertner f\u00fcr bessere Wohnverh\u00e4ltnisse der Arbeiter ein.<br>1919\/20 f\u00fchrte er Elektrolokomotiven ein, die 60 Wagen mit 20 km\/h ziehen konnten. Damals waren 4.600 Mitarbeiter besch\u00e4ftigt.<br>Deutlich bessere Arbeitsbedingungen erreichte man 1926 als er die l\u00fcckenlose elektrische Beleuchtung einf\u00fchrte.<br>\u00dcber Dr. Adrian Gaertner schrieb am 8. Februar 1929 das \u201eWiener Handelsblatt\u201c:<br>\u201eDabei handelt es sich um einen Mann, dessen technische Leistungen und industriepolitische Wirkung weit \u00fcber die Grenzen Deutschlands in andere L\u00e4nder Europas hinausreichten.\u201c<br>Einen schweren Schlag erlitt die Grube am 9. Juli 1930 durch einen Kohlens\u00e4ureausbruch, bei dem 151 Bergleute den Tod fanden.<br>Mit der Stilllegung am 28. Januar 1931 wurden 2.600 Bergleute arbeitslos.<br>Anschlie\u00dfend erwarb er eine alte Ziegelei und baute diese unter der Firmenbezeichnung \u201eZiegelwerke Mittelsteine Dr. Adrian Gaertner\u201c zu einer der modernsten Produktionsst\u00e4tten Deutschlands aus.<br>W\u00e4hrend des Krieges musste Gaertner Schikanen durch das NS-Regime erdulden.<br>Man warf ihm vor, dass er die Unabk\u00f6mmlichkeit wichtiger Mitarbeiter verhinderte und zugleich die gute Behandlung der Fremdarbeiter in seinem Betrieb forcierte.<br>Nachdem Gaertners Schwiegersohn, Generalmajor Hellmuth Stieff wegen seiner Beteiligung am Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 am 8. August 1944 hingerichtet worden war, wurden in seinem Nachlass auch Briefe und eine Denkschrift Gaertners gefunden, die ihn politisch belasteten.<br>Darin ist auch dokumentiert, dass es nachhaltig der Einfluss von Dr. Adrian Gaertner war, seinen Schwiegersohn vom Widerstand zu \u00fcberzeugen, wie ein Brief vom 17. November 1942 belegt.<br>\u201eHeute ist die Wahrheit zu sagen nicht nur unbequem, sondern gef\u00e4hrlich. Was wir zu glauben haben, bestimmt die Propaganda. Es fehlen in der Heimat die Kreise, welche das Vertrauen besitzen, denn der Partei geh\u00f6rt das Vertrauen nicht und die Geistlichkeit, die dies Vertrauen bes\u00e4\u00dfe, ist ausgeschaltet.<br>Gut, dass ihr nicht h\u00f6rt, wie das Volk denkt und auch redet, ganz offen vor anderen. Wenn der Rundfunk heute spricht, Kritik sei eine Feigheit, so kann man dies nur bedauern. Heute ist Kritik keine Feigheit, sie ist eine Pflicht, solange es noch nicht zu sp\u00e4t ist!<br>Es ist nicht verwunderlich, dass der einfache gl\u00e4ubige Mensch sich sagt, das k\u00f6nne der liebe Gott nicht hinnehmen.<br>Daf\u00fcr und f\u00fcr das, was den Juden widerfahren ist, w\u00fcrde es an der Strafe Gottes nicht fehlen. Wir verlieren den Krieg trotz der ungeheuren Leistungen von Wehrmacht und Volk, weil Gott, den mit Blindheit straft, den er verderben will.\u201c<br>Am 16. August 1944 wurde Adrian Gaertner verhaftet und im Glatzer Gef\u00e4ngnis inhaftiert.<br>Am 9. September 1944 entlie\u00df man ihn. Bereits am 9. Dezember 1944 verhaftete ihn die Gestapo neuerlich und hielt Gaertner f\u00fcnf Monate im Glatzer Gef\u00e4ngnis fest.<br>\u201eEs ist eben doch menschlich, dass sie immer noch hoffen, irgendetwas zu finden, wof\u00fcr man mir mit Erfolg den Prozess machen k\u00f6nnte. Sie wissen eben nicht, wie machtlos der M\u00e4chtigste einem \u00fcberzeugten Christen gegen\u00fcber ist.\u201c<br>Drei Wochen vor Kriegsende erfolgte am 20. April 1945 seine Entlassung aus dem Gef\u00e4ngnis.<br>Nach der Besetzung von Mittelsteine am 9. Mai 1945 durch die \u201eRote Armee\u201c ist er zwei Tage sp\u00e4ter zu einem \u00dcberfall gerufen worden.<br>Als er am Tatort eintraf, wurde er von neu angekommenen, pl\u00fcndernden Polen erschossen. Die Beisetzung fand unter dem Schutz einer russischen Wache statt. Sein Haus mit der wertvollen Einrichtung wurde gepl\u00fcndert.<br>Die Witwe und sein Enkelsohn Peter sind 1946, wie die meisten Deutschen vertrieben worden, das Grab verw\u00fcstet.<br>Am 29. Mai 2004 gelang es Peter Gaertner, die Gebeine seines Gro\u00dfvaters auf den ehemaligen Friedhof an der Mittelsteiner Kirche umzubetten.<br>Der Grabstein enth\u00e4lt eine zweisprachige Inschrift:<br>Fest im Glauben &#8211; Mutig im Kampf gegen Unterdr\u00fcckung und Unrecht &#8211; Selbstlos im Einsatz f\u00fcr seine Mitmenschen &#8211; Bedeutend f\u00fcr Wirtschaft und Handel &#8211; Eintretend f\u00fcr Freundschaft und Vers\u00f6hnung zwischen Deutschland und Polen.<br>Die Enth\u00fcllung der Doppelausstellung \u201eDer Tag, an dem die Amis kamen\u201c und \u201eEs wird an der Strafe Gottes nicht fehlen\u201c erfolgt am Dienstag, 5. Mai 2020 um 18:00 Uhr beim \u201ePinwinkelgut\u201c am Ortsanfang durch LH-Stv. LR Dr. Heinrich Schellhorn.<br>Um 19:00 Uhr findet bei der B\u00fcste vor dem Gemeindeamt eine Kranzniederlegung zum 75. Todestag von Dr. Adrian Gaertner statt.<br>In Anschluss wird im Gemeindeamt zum Anlass \u201e100 Jahre Salzburger Festspiele\u201c die Schautafel-Installation \u201eVon der Barackenstadt zur Jedermann-B\u00fchne\u201c vorgestellt.<br>Die Ausstellungen k\u00f6nnen bis Freitag, 23. Oktober 2020 besichtigt werden.<\/p>\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"705\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Gaertner1-1-705x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2915\" srcset=\"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Gaertner1-1-705x1024.jpg 705w, https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Gaertner1-1-206x300.jpg 206w, https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Gaertner1-1-435x632.jpg 435w, https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Gaertner1-1.jpg 706w\" sizes=\"(max-width: 705px) 100vw, 705px\" \/><figcaption>Dr. Adrian Gartner war ein gro\u00dfer Sohn der Gemeinde Thalgau.<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Biografie von Dr. Adrian Gaertner kann 2020 nach mehrj\u00e4hriger Arbeit wieder ein Kapitel der Thalgauer Lokalgeschichte durch den Ortshistoriker Bernhard Iglhauser abgeschlossen werden.Die Pr\u00e4sentation als Freiluftinstallation erfolgt durch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":2913,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","enabled":false}},"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[15],"tags":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Gaertner.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/paDzeQ-KY","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2912"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2912"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2912\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2955,"href":"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2912\/revisions\/2955"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2913"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2912"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2912"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.verlag-doppelpunkt.at\/flachgauTV\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2912"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}