VOLLMOND 2-2019
Das etwas andere INTERVIEW Das Alter sieht man ihnen wirklich nicht an. Obwohl 100 Jahre alt, schauen Sie aus wie am ersten Tag. Büroklammer: „Danke für das Kompli- ment. Tatsächlich habe ich mich in den ver- gangenen 100 Jahre kaum verändert. Viel- leicht ein bisserl, was Größe und Material angeht. Aber im Grunde schaue ich immer noch so aus, wie mich Hans Sax geschaffen hat. Der war übrigens ein österreichischer Fabrikant und hat die Büroklammer zum Massenartikel gemacht. Erfunden hat er mich aber nicht.“ Wer dann? Büroklammer: „Schon 1899 hatte der Engländer William Middlebrook aus Wa- terbury ein Patent für die industrielle Ferti- gung von Büroklammern erteilt. Das deut- sche Patent gehörte dem Norweger Johan Vaaler. Meine Vorgängerinnen sahen aber noch nicht so aus wie ich. Die waren deut- lich rundlicher und hatten nicht die innere Windung. Haben also auch nicht so gut gehalten wie ich. Erst Heinrich Sachs hat meine Form optimiert und mich damit zu einem Universalgerät gemacht. Denn ich werde nicht nur zum Zusammenheften von Papierblättern hergenommen. Wer schnell einen dünnen Draht braucht, greift zu mir und biegt mich auf. Es wer- den auch kleine Spielsachen aus mir gebogen, wie etwa ein Kreisel und es gibt sogar wissenschaftliche Abhandlungen über ,Physik mit Büroklammern. Außerdem bin ich beliebt, wenn das Ohr juckt ... aber las- sen wir das.“ Apropos Draht. Büroklammern gibt´s in- zwischen auch aus Plastik. Büroklammer: „Stimmt, aber der Großteil meiner Schwestern wird nach wie vor aus Draht gebogen. Der wird dann manchmal lackiert oder mit Kunststoff ummantelt. Im Grund weichen sie aber nicht von meiner Urform ab.“ Wo kommen Sie eigentlich her? Büroklammer: „Ich bin nach wie vor ganz eng mit Heinrich Sachs verbunden, der üb- rigens auch den Reißnagel erfunden hat. Seit mich Heinrich Sachs alltagstauglich gemacht hat, werde ich im Sax-Werk in Hirn im Burgenland produziert. Die Fabrik verlassen jährlich rund 250 Millionen Bü- roklammern.“ Sie sind aber nicht nur ein ganz wichtiges Helferlein im Büroalltag, sondern wur- den im Zweiten Weltkrieg auch zu einem Symbol das Widerstandes. Wie kam das? Büroklammer: „Richtig. Das war in Nor- wegen. Da werde ich auch jetzt noch ver- ehrt und es gibt sogar Denkmäler. 1940 war ich das Symbol des Widerstandes und das Zeichen zur Bekenntnis an König und Re- gierung. Wer mit den Nazis nichts am Hut hatte, steckte sich eine Büroklammer an den Kragen. Natürlich haben das die Besat- zer schnell bemerkt und verboten. Das hat aber nichts genützt, den fortan wurde die Büroklammer verdeckt getragen. Naja, und so bin ich halt zu einem Nationalsymbol geworden, das in Norwegen noch immer großes Ansehen hat.“ Seit Jahrzehnten wird vom papierlosen Büro geredet. Sollte es wirklich einmal so weit kommen, wäre das dann ihr En- de? Büroklammer: „Aber überhaupt nicht. Ich bin doch längst auch aus der digitalen Welt nicht mehr wegzudenken. Muss ich Ihnen auf die Sprünge helfen? Na, dann denken Sie doch einmal an ihre E-Mails. Wie wird da ein Anhang angezeigt? Richtig: Durch das Symbol einer Büroklammer.“ Interview: Rupert Lenzenweger S ie ist wohl eines der unscheinbarsten Helferlein in unserem Büroalltag, und trotzdem greifen wir täg- lich dutzende Male nach ihr. Heuer wird die Büro- klammer 100 Jahre alt. Deshalb baten wir sie zum Interview. Zum Halten verbogen
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