VOLLMOND 6-2017
Dezember KURZGESCHICHTE M einen sehn- l i c h s t e n Weihnachts- wunsch im Jahr 1945 habe ich bis heute nicht ver- gessen. Es war das ersteWeih- nachtsfest, das meine Familie mit mir in unserem zuvor von Bomben zerstörten, nun repa- rierten Haus in Frieden feiern konnte. Noch Jahre später wurde im Familienkreis, auch beim Blättern in alten Fotoal- ben, öfters von diesem Fest und meinem damals größten Weihnachtswunsch erzählt. Von Renate BUDDENSIEK Ich war im Oktober 1945 gerade sechs Jahre alt, infol- ge des Krieges unterernährt, blutarm und asthmakrank und war deshalb noch nicht eingeschult worden. Meinen Eltern war dies recht, zumal mir die passenden Schuhe für den längeren Fußmarsch zur Schule fehlten. Im Sommer war ich die meiste Zeit barfuß gelaufen, nachdem ich mir in den einzigen viel zu engen Halbschuhen, die ich besaß, blutige Blasen gelaufen hat- te. Seitdem wünschte ich mir nichts sehnlicher als Schuhe, in denen ich bequem bei Wind und Wetter gehen konnte, oh- ne schmerzende oder nasse Füße zu bekommen. Wie bei allen Kriegskin- dern stand 1945 in der Zeit des Mangels auf meinem Wunschzettel an das Christ- kind nicht neues Spielzeug an erster Stelle, sondern Dinge zum Überleben, wie Nahrung und Kleidung. In meinem Fall waren es die dringend benötigten Schuhe. Was hat- ten meine Eltern nicht alles unternommen, um Schuhe für mich aufzutreiben! Im Herbst hatten sie dicke, für mich viel zu große Holzschuhe ergat- tern können, die zusammen mit Großmutters gestrickten warmen Wollsocken meine Füße durch den bevorstehen- den Winter tragen sollten. Diese holländischen Klom- pen mussten jedoch bald an ein älteres Nachbarskind wei- tergegeben werden, weil ich mir darin beim Stolpern oft die Knie aufgeschlagen hatte. Bei ihrer weiteren Suche wurden meine Eltern nicht einmal auf demSchwarzmarkt fündig. In der Not kamen sie auf die Idee, meine zu kleinen Halbschuhe vom Flickschus- ter passend machen zu lassen. Dieser schnitt jeweils die vor- dere Lederkappe ab, klebte eine längere Gummisohle über die alte und überzog die offene Schuhspitze mit einem dünnen Kunstlederstreifen. Auf diese Weise waren meine Schuhe zwar länger gewor- den, sie blieben aber weiterhin zu eng. Sie waren auch weder wasserdicht, noch wärmten sie, so dass ich schon an den ersten kühlen Herbsttagen ei- ne fieberhafte Erkältung nach der anderen bekam. Noch schlimmer erging es mir, als mir bei den ersten Minustemperaturen dicke Frostbeulen arg zusetzten, zuerst an den Zehen, dann überall an den Füßen. Diese schmerzhaften jucken- den Schwellungen, die mir das Gehen zur Qual machten, behandelten meine beiden mitfühlenden Großmütter mit warmen Fußbädern, Wickeln und lindernden Salben. Dabei lasen sie mir biblische Ge- schichten vor, darunter auch die von der Fußwaschung, die Jesus an seinen Jüngern vornahm, die ich aber so missverstand, dass die Jünger ihrem Meister Jesus die kranken Füße wuschen und salbten. So tröstete mich die Vorstellung, dass auch Jesus, der in meiner Kinderbibel mit San- dalen abgebildet war, unter Frostbeulen an den Füßen gelitten haben musste. Je näher Weihnachten kam, um so verzweifelter suchten meine Eltern weiter nach Schuhen für mich. Die Ge- schäfte und Lager waren leer, die Händler zuckten nur die Schultern, es gab keine neue Ware. Auf Zeitungsanzei- gen nach gebrauchten Schuhen erhielten wir keine Antwort. Unter diesen widrigen Um- ständen wandten sich meine Eltern zuletzt hilfesuchend an Nachbarn, Verwandte und Bekannte, an Berufskollegen meines Vaters und sogar an Fremde, die sie in der Stadt trafen. Niemand hatte Kin- derschuhe in meiner Größe zu verkaufen, nicht einmal zu einem überhöhten Preis. Schließlich schien das Christ- kind von meinem sehnlichs- ten Weihnachtswunsch gehört zu haben und ihn mir erfüllen zu wollen. Die bis dahin ver- geblichen Bemühungen nah- men eine unerwartete Wende. Von seinem Arbeitgeber, einem Stahlwerk im Ruhrge- biet, erhielt mein Vater kurz vor Weihnachten aufgrund der Geldentwertung der alten Reichsmark einen Teil seines Lohns in einer Fuhre Koks ausgezahlt und in Stapeln von etwa zwanzig Dutzend Hufeisen. Der Koks war uns sehr willkommen, bewahrte er uns doch in den eiskalten Wintermonaten vor dem Frie- ren oder gar Erfrieren. Bei der Anlieferung und Einlagerung Erinnerungen an Weihnachten in längst vergangenen Zeiten - Gewinnen Sie das Buch „Unvergessene Mein sehnlichster Weihna
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