DOPPELPUNKT August 2024

Forensic Nurse August 2024 Seite 14 Forensic Nurse - Wenn Pflegepersonen Aufgaben für die Kriminalpolizei übernehmen S eit vergangenem Jahr gibt es in Österreich Lehrgänge für die Ausbildung zur „Forensic Nurse“. Die Lengauerin Johanna Ebner war bei dem ersten Lehrgang am azw in Innsbruck dabei. Die Fachrichtung Foren- sic Nurse gibt es in den USA bereits seit den1990er Jahren und ist in der medizinischen Ausbildung fest verankert, in Österreich ist sie hingegen noch recht neu. Was ist eine Forensic Nurse? Es handelt sich um Pflege- personen, die dafür ausgebil- det sind, Gewaltdelikte zu er- kennen und die vorhandenen Spuren gerichtlich verwertbar zu sichern. Eine der Haupt- aufgaben besteht darin, Ver- letzungen zwischen Unfall, Selbsthandlung und Delikt zu unterscheiden beziehungs- weise Gewalt überhaupt als Ursache von Verletzungen zu erkennen. Dazu gehört bei- spielsweise häusliche Gewalt, Kindes- und Seniorenmiss- brauch, Menschenhandel oder Todesermittlungen. Vor allem bei Verdacht auf k.o. Trop- fen ist es wichtig, rasch zu handeln, denn diese Drogen sind oft nur sechs bis zwölf Stunden im Körper nachweis- bar. Dieses Spezialwissen ist im Akutspital gefragt, da die Zahl der Gewaltdelikte im Steigen begriffen ist. Laut der Med Uni Graz wurden im Jahr 2022 in Österreich rund 78.000 Gewaltdelikte ange- zeigt, das ist eine Steigerung von fast 17 % im Vergleich zum Vorjahr. Die Dunkelzif- fer von Gewalttaten, die nicht angezeigt wurden, wird weit höher geschätzt. Warum gibt es eine Forensic Nurse? Früher wurden in Kranken- häusern bei Erstuntersuchun- gen von Opfern unwissentlich wertvolle Spuren und poten- tielles Beweismaterial ver- nichtet, indem beispielsweise Haare oder Blutspuren auf Kleidungsstücken nicht fach- männisch gesichert wurden. Aufgabe einer Forensic Nurse ist es, diese Spuren rechts- wirksam zu sichern, korrekt zu verschließen und in Labore zu versenden sowie klinische Befunde für Gerichtszwe- cke zu dokumentieren. Ziel ist es, die Aufklärung von Verbrechen zu unterstützen. Forensic Nurses können vor Gericht als Sachverständige hinzugezogen werden. Natür- lich bekommt das Opfer auch medizinische Versorgung. Der Lehrgang Auf der Universität Inns- bruck wurde der erste Kurs dieser Art von 18 erfahrenen Diplompflegekräften aus ganz Österreich von Jänner bis No- vember 2023 erfolgreich ab- solviert. Eine Teilnehmerin war Johanna Ebner aus Len- gau. „Ich habe im Zuge dieses Lehrgangs ein Praktikum in einer Anstalt für geistig ab- norme Rechtsbrecher absol- viert. Da kommt man mit den Abgründen der menschlichen Seele in Berührung”, erzählt Ebner. „Meist, aber nicht aus- schließlich, handelt es sich bei den Tätern um Männer. Inter- essant finde ich auch, dass al- le sozialen Schichten von Ge- waltdelikten betroffen sind.” Den Pflegepersonen werden in Theorie- und Praxisstunden umfassende Kenntnisse im Opferschutz, der Gefährlich- keitseinschätzung sowie den Grundlagen der forensischen Toxikologie zu Alkohol, Dro- Hilfsstelle im Flachgau: Gewaltschutzzentrum Regionalstelle Flachgau Kirchenstraße 6 5202 Neumarkt Tel.: 0662 870 100 office.salzburg@gewalt- schutzzentrum.at Hilfsstelle in Oberösterreich: Gewaltschutzzentrum Regionalstelle Gmunden Franz-Keim-Straße 1/1.Stock 4810 Gmunden Tel.: 07612 73784 Alle Beratungs- und Hilfs- angebote für Opfer von Ge- walt in Salzburg sind kos- tenlos. Betroffene Personen können sich jederzeit an die Einrichtung wenden, die zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet sind. gen und Medikamente vermit- telt. Sie stellen somit ein wich- tiges Bindeglied zwischen der Gesundheitsversorgung und der Rechtsdurchsetzung dar. Es wird im Lehrgang auch die Fähigkeit trainiert, kommu- nikativ deeskalierend einzu- greifen und eine prozesshafte Opferbegleitung in Notfallsi- tuationen einzusetzen. Elisabeth Dürnberger Die Teilnehmer des ersten Lehrgangs zur Forensic Nurse am azw in Innsbruck. Bilder: Johanna Ebner Johanna Ebner aus Lengau war bei dem ersten Lehrgang dabei.

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