Wie kommt die Golden Gate Bridge nach Edelsbach?

„Ich bin Renate. Ich bin einen Meter fünfundfünfzig groß, fünfundsechzig Kilo schwer, ich kann kochen, tanzen, gehen, laufen, wandern und Rad fahren und wäre ich eine Tirolerin, könnte ich auch noch Ski fahren. Vor allem aber kann ich Brücken bauen.“ Kurz, prägnant und umfassend stellt sich Renate Theißl allen ihren Gästen vor. Und trotzdem vergisst sie etwas wichtiges: Sie ist auch Gründerin und Leiterin eines weltweit einzigartigen Museums.

Renate Theißl hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, erhaltenswerte Brücken zu sammeln und so ist in Edelsbach bei Feldbach in der Südoststeiermark 1998 dieses besondere Museum entstanden. Aber so einfach ist das ganze ja nicht und normale Museen tun sich da schon wesentlich leichter. Ein Bild hängst einfach an die Wand, einen Kelch stellst in eine Vitrine und eine Ritterrüstung kann mitten im Raum platziert werden. Aber echte Brücken? Da brauchst nicht nur ein riesiges Freigelände, sondern auch eine ausgeklügelte Logistik. Weil in einem Koffer trägst so ein Teil nicht heim und auch ein normaler Lastwagen ist da völlig überfordert. Wenn Renate irgendwo eine Brücke für ihr Museum auftreibt, braucht sie eine lange Vorlaufzeit. Und Geld. „Der Schwertransporter muss genau dann zur Stelle sein, wenn die Brücke abgebaut wird. Aber für so einen Transport brauchst etliche Genehmigungen, Begleitfahrzeuge, Lasterfahrer die Nerven wie Drahtseile haben und schließlich auch noch einen Kran, der die Brücke nach der Ankunft im Freilichtmuseum an den richtigen Platz hievt. Trotz des ganzen Aufwandes hat es inzwischen rund ein Dutzend Brücken nach Edelsbach geschafft, wo sie von den Museumsbesuchern bestaunt werden können. „Wenn Eisenbahnbrücken abgebaut werden, sind sie weit über 100 Jahre alt. Weil für den Brückenbau wird der beste Stahl verwendet, den es überhaupt gibt und der ist dauerhaft“, weiß Renate und nennt zum Vergleich die riesigen Transportschiffe, die auf den Weltmeeren schwimmen. Nach spätestens 30 Jahren sind die zum Abwracken. Da ist eine Eisenbahnbrücke praktisch noch neu. Apropos neu. Eisenbahnbrücken die jetzt gebaut werden, müssen mindestens 160 Jahre halten. „Die schaffen aber locker auch 200 Jahre“, lacht Renate und führt uns vom Freigelände ins Museum. Da heißt es erst einmal tief Luft holen, weil da stehen alle bedeutenden Brücken der Welt als Modelle. Dabei darfst jetzt nicht in der Dimension von Matchbox-Autos denken. Renates Golden Gate Bridge ist gut und gerne sechs Meter lang und die Tower-Brigde braucht auch noch vier Meter. Gebaut hat alle diese Brücken Renate selbst. Und spätestens jetzt wird dir klar, wieso Renate bei der Vorstellung den Satz „und Brücken bauen kann ich auch“ besonders betont hat. Akribisch genau spiegeln ihre Modelle die Originale wider. Nur etwas kleiner halt.

Während die ersten Modelle noch mit einfachsten Mitteln und ein bisserl hemdsärmelig entstanden sind, unterstützen mittlerweile Brückenexperten der Technischen Universitäten Graz und Wien die aufwändige Arbeit von Renate Theißl.

Die lebt aber nicht nur für und im Museum. Sie hat dort auch ihre Werkstatt und jeder kann ihr über die Schulter schauen, wenn sie bei den filigranen Modellen ihrer Eisenbahnbrücken, Straßenbrücken, Pionierbrücken, Behelfsbrücken oder Sonderbrücken mit einer Eselsgeduld und einem unglaublich handwerklichen Geschick Stück für Stück entstehen lässt.

Aber egal ob im Museum oder auf dem Freigelände. Ein Problem aber begleitet Renate seit Jahren: Ihr geht der Platz für neue Objekte aus. Weil wie schon gesagt: Ein Bild hängst an die Wand, eine Skulptur stellst in die Vitrine, aber eine echte Brücke …

Renate Theißl gibt auch gerne ihr Wissen weiter. Zum Beispiel bei Modellbauworkshops. Um Anmeldung wird gebeten: 03152/2017. Das Museum ist wieder ab 1. April jeden Mittwoch bis Sonntag jeweils von 10 Uhr bis 17 Uhr geöffnet. Der Besuch des Freigeländes ist kostenlos und das ganze Jahr über möglich. Der Eintritt ins Museum kostet fünf Euro.

Rupert Lenzenweger

Auch als Modell unendlich lang: die Golden Gate Bridge. Bilder: Rule
Die Angerschluchtbrücke in Bad Hofgastein. Auf eine Gestaltung der Umgebung verzichtet Renate Theißl bei ihren Modellen. „Weil wie Berge am Rande der Brücke und ein Fluß darunter aussehen, weiß eh jeder…“

Die Brücken im Freigelände sind 100 Jahre und älter.
Das Freigelände kann das ganze Jahr über kostenlos besucht werden.
Liebevolle und naturgetreue Details zeichnen jedes einzelne Brückenmodell aus.