Zwei Reifen. Zwei Hände. Ein Ziel
Manche Lebensgeschichten lesen sich wie Romane – voller Wendungen, Rückschläge, überraschender Neuanfänge. Eine dieser außergewöhnlichen Lebensgeschichten erzählt uns Cornelia Wibmer aus Thalgau. Sie ist geprägt von Mut, unerschütterlichem Willen und der Fähigkeit, auch aus den größten Herausforderungen neue Kraft zu schöpfen und das Positive zu sehen.
Für die gebürtige Tirolerin veränderte sich mit nur 21 Jahren ihr Leben schlagartig. Nach einem Balkonsturz war die damalige Zahnarztassistentin und alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter von einem Tag auf den anderen querschnittsgelähmt. Ihr kleines Mädchen gab ihr die Kraft, sich aus diesem gewaltigen Tief wieder nach Oben zu kämpfen. Bald nach dem Unfall kam die Erkenntnis: es muss ein Neuanfang her, weg von zu Hause. „Es war für mich sehr schwer, da mich der Großteil meines Freunden- und Bekanntenkreises plötzlich ganz anders behandelte. Ich war nicht mehr Cornelia, sondern „die im Rollstuhl“. Daher fiel mir die Entscheidung für ein neues Leben und neuen Perspektiven leicht“, erzählt Cornelia Wibmer. Bekanntschaften aus der Reha führten ihren Weg schließlich in den Flachgau und sie zog mit ihrer Tochter Natascha nach Thalgau – eine Entscheidung, die ihrem Leben eine neue völlig neue Richtung gab.
Basektball
Sie schloss sich einem Para-Basketball-Team an. Mit Begeisterung spielte sie jahrelang in einer Männermannschaft. „Leider gab es keine Nationalmannschaft für uns. Deshalb blieb mir der Weg zu großen internationalen Bewerben verschlossen“, erinnert sich Wibmer. Dass ausgerechnet die Corona-Pandemie ihr sportliches Leben erneut verändern würde, kam überraschend. Als Basketballtrainings plötzlich nicht mehr möglich waren, erzählte sie einem Bekannten von dem unerfüllten Traum, bei internationalen Wettkämpfen an den Start zu gehen. Seine Antwort: ändere die Sportart, versuchs mit einem Handbike. Er lieh ihr kurzerhand sein eigenes Bike. Nach anfänglichen Zweifeln von Cornelia war sie aber schnell von dem Sport überzeugt und fand darin eine neue Leidenschaft. Das Rollstuhlbasketballspiel hat sie seither an den Nagel gehängt, ganz verabschiedet hat sie sich davon aber nicht. Einmal pro Woche trainiert sie gemeinsam mit einem weiteren Paraathleten in Rif Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen. Dabei geht es um weit mehr als Sport. Es geht um Gemeinschaft, Selbstvertrauen und das Gefühl, dazu zu gehören. Hier fällt niemand auf, alle sitzen im Rollstuhl und begegnen sich auf gleicher Augenhöhe. „Es ist ein schönes Gefühl, den Kindern die Gelegenheit geben zu können, sich verstanden zu fühlen“, bringt sie es auf den Punkt.
Handbike

Heute gehört das Handbike für Cornelia Wibmer zum Alltag. Rund 20 Stunden pro Woche investiert sie in ihr Training, unter anderem auch Schwimmen für die Ausdauer. Möglich macht das ihre Arbeit als Polizeispitzensportlerin. Das heißt sie arbeitet in der Telefonzentrale der Polizei, kann aber während der Arbeitszeit auch trainieren. Dieses Modell ermöglicht ihr Trainings- und Wettkampfbedingungen, die sie in dieser Form in kaum einem anderen Beruf (oder anderem Land) finden würde. Im Olympiazentrum in Rif trainiert sie gemeinsam mit Spitzensportlerinnen und Sportlern aus unterschiedlichsten Disziplinen, wie etwa die Skirennläufer. Während viele von uns unter den sommerlichen Hitzewellen leiden, nutzt Wibmer die heißen Temperaturen gezielt für ihre Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft Anfang September in Alabama aus. Dort werden ähnliche Bedingungen mit Temperaturen rund um 30 Grad erwartet. Deshalb steigt sie bewusst zur Mittagszeit aufs Handbike, um Körper und Kreislauf an die Belastung zu gewöhnen. „Trinken ist natürlich enorm wichtig. Wenn ich weg fahre habe ich immer ein gekühltes Getränk dabei, während meiner Trainingsrunde wird es dann regelmäßig zum Tee“, schmunzelt sie. Das harte Training zahlt sich aus: sie kann auf mehrere Stockerl-Plätze im Weltcup, bei Europameisterschaften sowie auf die Auszeichnung zur Österreichs Para-Cyclerin des Jahres 2022 zurückschauen. Bei der Para-Cycling-Straßen-Europameisterschaft 2026 in Italien holte die Sportlerin in den Disziplinen Einzelfahrt und Straßenrennen sogar zwei Silbermedaillen.
Glücksbringer
Bei all den Kilometern, Trainingslagern und Wettkämpfen gibt es einen kleinen Begleiter, der nie fehlen darf: ein Stofftäschchen mit dem Bild ihrer Hündin Coco. „Coco ist schon lange Teil meiner Familie, ich vermisse sie sehr wenn ich nicht da bin. Mein Partner hat mir das Tascherl als Glücksbringer geschenkt, seither ist es immer mit dabei“, verrät die lebenslustige Tirolerin.
Ziel
Das große Ziel liegt bereits klar vor ihr: die Paralympischen Spiele 2028 in Los Angeles. „Und dann schauen wir, wie es weitergeht“ sagt sie. Langweilig wird es bei der Para-Athletin auf jeden Fall nicht.
Und wenn Sie, liebe Leserin und lieber Leser, demnächst eine Handbikerin auf der Lieblingsstrecke rund um den Attersee antreffen, handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Cornelia Wibmer. Einer Frau, die sich von keinen Schicksalsschlägen ausbremsen lässt sondern diese als Rückenwind nutzt und mit enormer Willenskraft außergewöhnliches leistet.
Elisabeth Dürnberger

