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2017

Kurzgeschichte

Seite 23

durch den Schlitz im Schutz-

glas nach draußen schieben

wollte. Sie begann zu drücken

und zu schieben, aber der Sack

rührte sich nicht mehr von

der Stelle. Eingeklemmt, halb

draußen, halb drinnen und nix

geht mehr. Das ist jetzt auch

für den Bankräuber blöd. Der

muss zuschauen wie sich die

Arme hinter dem Glas quält.

Die Zeit vergeht und nicht

nur jeder Bankräuber weiß: Je

schneller ein Überfall absol-

viert wird, desto größer sind

die Chancen für eine glückli-

che Flucht.

Und jetzt kommt´s: Der

Bankräuber hat einen gedank-

lichen Kurzschluss. Legt die

Pistole weg, um mit beiden

Händen am Geldsack zu zie-

hen. Weil gemeinsam müsste

es doch zu schaffen sein.

Und siehst, vielleicht hat

es sich jetzt doch ausgezahlt,

dass die Kassiererin in den

vergangenen Monaten schon

dreimal überfallen wurde.

Weil sofort hat sie gesehen:

nur Spielzeugpistole! Billiges

Teil vom Kirtag. Nicht einmal

Metall, nur Plastik.

„Die Pistole ist nicht echt!“

Du kannst dir jetzt gar nicht

vorstellen, wie befreiend die-

ser kreischend vorgetragene

Schrei wirkte. Auch von den

anderen drei Frauen fiel so-

fort die Starre ab, die sie in

den vergangenen Sekunden

gelähmt hatte. Dafür verfiel

jetzt der Bankräuber in ei-

ne Starre. Augenblicke lang

wusste er nicht, was er tun

sollte. Weiter am Sack zie-

hen? Sofort die Flucht antre-

ten? Oder so tun, als wäre die

Pistole doch echt? Und wäh-

rend er diese drei Möglich-

keiten im Kopf durchdachte,

war es auch schon zu spät.

Wie Furien stürzten sich die

vier Bankbeamtinnen auf den

Mann, prügelten auf ihn ein,

brachten ihn auf die Knie und

malträtierten ihn mit Fußtrit-

ten. Acht spitze Stöckelschu-

he gegen die Weichteile eines

am Boden liegenden Körpers.

Wer da Sieger bleibt, brauch

ich jetzt wohl nicht erwäh-

nen.

Der Mann hatte jetzt wirk-

lich Pech. Er war nämlich der

erste der vier Bankräuber in

diesem Jahr, der nicht mehr

flüchten konnte. Deshalb be-

kam er auch die Schläge für

alle ab. Schier besinnungslos

schlugen die Bankbeamtin-

nen auf den Mann ein. Dass

schließlich auch die Polizei

anrückte, hat der Kerl gar

nicht mehr bemerkt. Er hat-

te zu dem Zeitpunkt längst

das Bewusstsein verloren.

Wie ein Boxer, der es ge-

wagt hatte, sich gegen einen

übermächtigen Gegner in den

Ring zu stellen.

Die Polizisten mit Kom-

mandant Karl Schrempf an

der Spitze hatten jetzt drei

Dinge zu tun. Erstens mussten

sie die rabiaten Frauen vom

Bankräuber trennen. Dazu

war sogar ein bisserl Gewalt

notwendig. Dann mussten sie

den Bankräuber in Sicherheit

bringen und drittens: Einen

Rettungswagen organisieren,

der den immer noch bewusst-

losen Bankräuber direkt ins

nächste Krankenhaus brach-

te.

„Wir konnten den Mann

erst Tage später vernehmen

und da war er aufgrund der

vielen Schwellungen im Ge-

sicht auch nur sehr schwer

zu verstehen. Er zeigte sich

geständig, wollte die Bank-

beamtinnen für ihren Ge-

waltausbruch nicht wegen

Körperverletzung anzeigen

und bezeichnete den ganzen

Banküberfall als blöde Idee“,

war im Abschlussprotokoll

der Polizei zu lesen.

Auch wenn es sich um den

Mann jetzt nachträglich be-

trachtet offensichtlich um

einen bankräubertechnischen

Laien gehandelt hat, dürfte

sich selbst in der professionel-

len Bankräuberszene der Vor-

fall rasch herumgesprochen

haben. Weil wie ist es sonst

zu erklären, dass die Bank

in einem Jahr gleich viermal,

in den darauffolgenden fünf

Jahren aber kein einziges Mal

mehr überfallen wurde?