Weltbekannte Hymne für eine halbe Brücke

Mireille Mathieu war in meiner Jugend ein großer Star. Und weil die kleine Französin vor allem fröhliche Lieder trällerte, wurde sie weltweit der „Spatz von Avignon“ genannt. Keine große Fernsehshow in Europa kam ohne sie aus und selbst in den österreichischen Regionalradios gab ist nicht eine einzige Stunde, in der nicht ein Lied von ihr zu hören gewesen wäre. Auch ich hörte Mireille Mathieu. Einige ihrer Lieder gefielen mir gut und obwohl es der kleine Pagenkopf sogar auf des Titelbild der „Bravo“ geschafft hatte, hätte ich meinen Freunden gegenüber nie zugegeben, hin und wieder dem Gesang von Mireille zu lauschen. Beatles, T-Rex, Slade, Rolling Stones, Jimmi Hendrix oder Jennis Choplin waren in unserer Clique angesagt. Also kein Platz für eine kleine Französin, die sich vor allem in den ersten Jahren ihrer Karriere stark an Edith Piaf orientierte.
Auf Mireille Mathieu traf ich bewußt wieder, als ich mit meiner Tochter Kinderlieder sang. Neben „Hänsel und Gretel“ oder „alle meine Entlein“ durfte auch die Brücke von Avignon nicht fehlen. Mireille Mathieu hatte dieses Lied zum Gassenhauer gemacht, der so ziemlich in alle Sprachen der Welt übersetzt wurde. Auch wenn ich kein Wort französisch kann, haben meine Tochter und ich das Lied von der Brücke in Originalsprache gesungen. Obwohl, ganz genau stimmt das jetzt auch wieder nicht. Ich habe einfach Worte erfunden, die französisch klangen, sich gut reimten und vor allem zur Melodie passten. Nur „Sur le pont d’Avignon“ habe ich vom Original übernommen und zwischendurch immer wiederholt. Meine Text muß aber gut gewesen sein, weil meine Tochter kann ihn nach 35 Jahren noch immer auswendig.
Freilich haben wir uns damals keine Gedanken gemacht, was es mit der Brücken von Avignon auf sich hat. Heute frage ich mich schon, nachdem ich die Brücke gesehen habe. Tatsächlich ist sie eigentlich nur mehr ein Fragment, das aus vier von ursprünglich 22 Bögen besteht und mitten in der Rhone aufhört. Also eine Brücke, die nicht einmal von einem Ufer bis an das andere reicht. Und trotzdem ist sie weltbekannt und jeden Tag zahlen Hunderte von Touristen sechs Euro dafür, dass sie knapp 200 Meter über eine halbe Brücke spazieren dürfen.
Bereits seit 1660 ist das Wahrzeichen der Stadt eine Ruine, die nur bis in die Mitte des Flusses reicht. Ein schweres Hochwasser hat damals weite Teile der Brücke mitgerissen. „Wie ein Kartenhaus ist die Brücke in sich zusammengebrochen“, ist dazu in der Chronik zu lesen. Den Grundstein zur Brücke soll der Legende nach im 14. Jahhundert der Schäferbub Bénézet gelegt haben, als ihn eine himmlische Stimme befahl, eine Brücke über die Rhone zu bauen. Zunächst lachten die Dorfbewohner über ihn, aber als er tatsächlich mit dem Bau begann und die ersten Grundsteine legte, haben alle mitgeholfen und so entstand das gigantische Bauwerk, gestützt auf 22 Bögen. Nach seinem Tod wurde Bénézet in der Brücke beigesetzt und die Brücke nach ihn benannt.
Heute kennt jeder das Lied „Sur le Pont d’Avignon“. Ursprünglich von Adolphe Adam komponiert, wurde es erstmals am 2. Februar 1853 in der Opéra Comique in Paris bei der Aufführung des Theaterstücks „le sourd, ou l’auberge pleine“ aufgeführt. Drei Jahre später wurde die Operette „Sur le pont d’Avignon“, in der dieser Kinderreim wiederholt wurde, ein Triumph. Seitdem ist der Kinderreigen um die Welt gereist und hat viel zum Ruhm von Avignon und seinem Spatz Mireille Mathieu beigetragen.     -18. Oktober 2026-
Rupert Lenzenweger

Der Spaziergänger auf der Brücke hat einen herrlichen Blick auf den Papstpalast von Avignon. Alle Bilder: Rule
Von den ursprünglich 22 Bögen stehen nur mehr vier. Der Großteil der Brücke wurde 1660 von einem Hochwasser mitgerissen.
Ursprünglich eine Operettenmelodie wurde „Sur le pont d’Avignon“ als Kinderlied weltbekannt.